• Gemeinsame Sache in Tempelhof-Schöneberg 2017: Ein Ort des Widerstands soll aufblühen

Gemeinsame Sache in Tempelhof-Schöneberg 2017 : Ein Ort des Widerstands soll aufblühen

In der Schöneberger Kohlenhandlung trafen sich die Nazi-Gegner des Kreisauer Kreises – nun soll daraus eine Gedenkstätte werden.

Merle Collet
Geschichtsträchtiger Grund. Andreas Bräutigam (links) und Egon Zweigart wollen in Schöneberg einen Gedenkort für Annedore und Julius Leber einrichten. Foto: Thilo Rückeis
Geschichtsträchtiger Grund. Andreas Bräutigam (links) und Egon Zweigart wollen in Schöneberg einen Gedenkort für Annedore und...Foto: Thilo Rückeis

Hinter einem schweren Metalltor, umzingelt von Bauzäunen, Sonnenblumen und Unkraut kann man ihn zunächst schnell mal als marodes Stück Schöneberg übersehen: Ein weiß verputzter flacher Bau, mit heruntergelassenen Jalousien, provisorischer Holztür und voll bunter Graffitis. Auf dem Boden davor alte graue und neue rote Pflastersteine.

Dass dieses unscheinbare Gebäude an der Ecke Torgauer und Gotenstraße ein wichtiges Stück Berliner Geschichte ist, zeigt sich, wenn man auf den akkurat aufgestellten Schildern auf der Rückseite die Namen Annedore und Julius Leber liest. Die ehemalige Kohlenhandlung war ein wichtiger konspirativer Treffpunkt des Widerstands gegen die Nazi-Herrschaft.

Vier Jahre bis zum Nutzungsvertrag

Seit 2012 verwirklicht der Arbeitskreis „Lern- und Gedenkort Annedore und Julius Leber“ der Geschichtswerkstatt die Errichtung eines historischen Gedenkorts. Am Aktionstag „Gemeinsame Sache“ soll das Grundstück am Sonnabend, 9. September, von 14 - 17 Uhr mit vereinten Kräften von Unkraut befreit werden.

„Den ersten Meilenstein haben wir letztes Jahr im September erreicht, als wir nach langer Diskussion mit dem Bezirksamt einen Nutzungsvertrag bekommen haben“, erzählt Andreas Bräutigam von der Berliner Geschichtswerkstatt. Dadurch verfügen sie über eine rechtliche Basis, um überhaupt weitere Schritte zum Erhalt der ehemaligen Kohlenhandlung einleiten zu können. „Allein das hat vier Jahre gedauert“, ergänzt ihn sein Vereins-Kollege Egon Zweigart. Diesen Weg bestreitet ihr Arbeitskreis also nicht nur mit viel Ausdauer, sondern auch ehrenamtlich. Ihr Ziel ist es, einen Gedenk- als auch Lernort für das Ehepaar Leber mit Museum, Seminarraum und eventuell einem kleinen Imbiss zu schaffen.

Treffpunkt des Widerstands

Gründer der Kohlenhandlung war im Jahr 1909 Bruno Meyer. Bevor Annedore und Julius Leber 1939 Teilhaber des Betriebs im Süden der roten Insel Schönebergs wurden, wechselten mehrfach die Besitzer. Im Jahr 1933/34 abermals zum Verkauf angeboten, wurde das Gelände direkt an der Ringbahn durch den SPD-Politiker Richard Krille erworben, nachdem dieser von den Nazis aus dem Amt als Direktor der Städtischen Brennstoffgesellschaft verdrängt wurde. Der Sozialdemokrat und Reichstagsabgeordnete Leber wurde nach seiner KZ-Haft 1937 durch seinen Partei-Kollegen Gustav Dahrendorf in der Firma untergebracht, bevor er 1939 ebenfalls Teilhaber der Kohlenhandlung „Bruno Meyer Nachf.“ wurde, die hauptsächlich Berliner Hausverwaltungen belieferte.

Doch neben dem wirtschaftlichen Faktors war der Ort für Leber vor allem auch von politischer Bedeutung: Durch seine Verbindungen zum militärischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurde die Kohlenhandlung als geheimer Treffpunkt etabliert. In den Jahren 1943/44 wurde der Schuppen regelmäßig von führenden Köpfen des Kreisauer Kreises aufgesucht.

Der Abriss stand bevor

Im letzten Kriegsjahr durch Bombenangriffe zerstört, wurde der Betrieb der Kohlenhandlung erst 1948/49 wieder von Annedore Leber aufgenommen. Ihr Mann wurde 1944 von der Gestapo verhaftet und am 5. Januar 1945 in Plötzensee hingerichtet. Annedore Leber, die sich in der Zwischenzeit auch als Politikerin und Publizistin etabliert hatte, erweiterte Ende 1950 die Kohlenhandlung um das östlich angrenzende Grundstück der ehemaligen Bahnmeisterei. Außerdem wurde ein festes Haus gebaut, das Räume für Büros und Umkleiden bot. Die Witwe gründete außerdem den Mosaik-Verlag, der ebenfalls dort residierte.

Nach ihrem Tod 1968 wurde die Kohlenhandlung zunächst verkauft und dann 1973 eingestellt. Das Grundstück aber diente weiterhin gewerblichen Zwecken, wurde 1990 erweitert und zuletzt von einem Autohändler gepachtet. Erst 2009 wurden alle Flächen um die Torgauer Straße vom Land Berlin gekauft. Im Rahmen einer Wettbewerbsausschreibung des Bezirksamts Schönebergs sollte 2012 auch die ehemalige Kohlenhandlung abgerissen werden, was jedoch durch die Geschichtswerkstatt verhindert werden konnte.

"Kohle für die Kohlen"

Ein kurzer historischer Querschnitt über die ehemalige Kohlenhandlung zeigt, wie viel Geschichte in diesem zunächst eher unscheinbaren Ort steckt. Damit dieser bis zu seiner geplanten Sanierung wieder scheinbarer wird, soll am „Aktionstag für ein schönes Berlin“ das Grundstück von Unkraut befreit werden.

Ganz nebenbei können sich Interessierte dann direkt bei den Vereinsmitgliedern oder auch am Infotisch genauer über dieses Stück Berliner Geschichte und die geplante Sanierung informieren. Diese soll übrigens bis 2019 fertiggestellt sein. „Das ist aber eine sehr optimistische Einschätzung“, erklärt Zweigart. Als nächste Etappe will der Verein beim Bezirksamt Schöneberg für die Finanzierung einen Unterstützungsantrag bei der Lotto-Stiftung stellen. Der Betrieb des Gedenkorts soll dann durch monatliche Spenden finanziert werden.

Mit den Worten „Kohle für die Kohlen“ fordert der Arbeitskreis Lern- und Gedenkort Annedore und Julius Leber auch derzeit schon die Berliner zu einem Obolus auf seiner Homepage www.gedenkort-leber.de auf. „Würden monatlich nur hundert Leute zehn Euro spenden, würde das bereits reichen“, sagt Zweigart. Doch bis es zur geplanten Sanierung kommt, unterstützt man den Verein am kommenden Aktionstag am besten mit Harke und Schaufel.

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