Das Treppenhaus verschmutzt, in den Kellern steht Wasser

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Gentrifizierung in Berlin : Investoren gegen Mieter: Da ist die Tür!
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Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.
Altbau-Charme. Das kann noch schöner werden, meinen Investoren - und damit besser zu vermarkten. Ohne Mieter.Foto: Anikka Bauer

Doch dann passierten Dinge, die ihnen nicht gefielen. Direkt vor ihrem Haus wurde ein „Zu verkaufen“-Schild aufgestellt, knallrot und groß. Vom Geschäft im Erdgeschoss war nicht mehr viel zu sehen. Bald darauf zog die Ladeninhaberin, die anfangs hatte bleiben wollen, aus. Das Treppenhaus verschmutzte, in den Kellern stand das Wasser, nach Ansicht der Mieter wegen einer verstopften Regenrinne, die Sprechanlage ging kaputt.
Die Eigentümergesellschaft bestreitet diese Darstellung. „Es ist falsch, dass eine Hausreinigung nicht mehr erfolgt. Der Eigentümer hat keine Kenntnis darüber, dass die Sprechanlage nicht in Ordnung sei. Die Regenrinnen waren nicht verstopft. Vielmehr handelt es sich um ein extrem modernisierungsbedürftiges Haus, welches einer umfassenden Sanierung bedarf“, lässt sie über ihren Anwalt erklären.

Auch das übliche Prozedere nach einer Modernisierungsankündigung beschreibt der Anwalt: „Oftmals wird ein Mediator eingeschaltet, der höflich und freundlich gemeinsam mit den bisherigen Mietern herausfinden soll, ob diese trotz der Sanierung in der Wohnung verbleiben oder lieber ausziehen wollen. Im Falle eines Auszuges wird den Mietern regelmäßig ein Entgelt bezahlt, um die hiermit verbundenen Unannehmlichkeiten zu kompensieren.“
Und tatsächlich meldete sich auch in der Hasenheide der Mietmanager. „Gern würde ich mit Ihnen die neue Situation ganz aktuell besprechen“, schrieb er in einer E-Mail, die an Hoefts E-Mail-Adresse ging. Stephan Hoeft schickte ihm als Antwort eine Liste der Mängel. Zumindest der Mietmanager wusste also Bescheid. Eine Reaktion gab es nicht.

"Früher hieß es, der Experte wohnt zur Miete. Inzwischen ist man als Mieter nicht mehr sicher." - Christoph Müller, Rechtsanwalt von Mietern an der Hasenheide, Kreuzberg.
"Früher hieß es, der Experte wohnt zur Miete. Inzwischen ist man als Mieter nicht mehr sicher." - Christoph Müller, Rechtsanwalt...Foto: Vincent Schlenner

Willst du bleiben, wollt ihr gehen?

Inzwischen ist außer Michaela Zollner und Stephan Hoeft nur noch eine andere Partei im Seitenflügel übrig. Wenn sie sich begegnen, reden sie nicht mehr wie früher über das Wetter, es geht dann gleich ums Eingemachte: Willst du bleiben, wollt ihr gehen, und wie soll das alles werden? Vor kurzem hat Zollner den Anwalt Christoph Müller engagiert. Danach, sagt sie, habe sie die erste Nacht seit langem wieder gut geschlafen.
Christoph Müller ist guter Stimmung an diesem Mittwochmorgen im September. Gerade hat er einen Mieter gegen eine Eigenbedarfsklage des Eigentümers vertreten, nun trinkt er noch schnell einen Kaffee in der Kantine des Gerichts. Es scheint, als habe er die Sache zugunsten seines Mandanten herumgerissen. Oft gelinge das heutzutage nicht mehr, sagt Müller. „Früher hieß es, der Experte wohnt zur Miete. Inzwischen ist man als Mieter nicht mehr sicher.“
Das liegt unter anderem an der Mietrechtsreform, die im Mai in Kraft trat und Modernisierungen neu regelte. Damit ist alles gemeint, was eine Wohnung schöner und umweltfreundlicher macht, zum Beispiel Fußbodenheizung oder Wärmedämmung. Elf Prozent der Kosten können auf die Jahresmiete aufgeschlagen werden. Vor der Reform konnten Mieter eine Modernisierung stoppen, wenn sie nachwiesen, dass ihnen das Geld etwa für neue Fenster fehlte. Doch weil man mit einer Nation, die sich gegen Zugluft lieber gestrickte Würste aufs Altbaufensterbrett legt, nicht das Klima retten wird, wurde das Gesetz geändert. Seit Mai dürfen Modernisierungen und damit jede Form der energetischen Gebäudesanierung nicht mehr angefochten werden. Die Mieter können nur noch später über die Höhe der Mietsteigerung verhandeln, Ausgang ungewiss.

Die große Liebe der Politik zur energetischen Sanierung nutzen manche Eigentümer in Berlin weidlich aus. Vor kurzem wollte ein Hausbesitzer in der Sredzkistraße in Prenzlauer Berg Doppelglasfenster, die in den 90er Jahren eingesetzt worden waren, gegen dreifach verglaste austauschen. Auch wenn Eigentümer mit solchen Modernisierungen nicht immer durchkommen, erreichen sie oft schon durch deren bloße Ankündigung ihr Ziel. „So ein Schreiben ist wie ein Schreckschuss“, sagt Müller. Gerade alte Menschen würden mitunter erschrocken die Sachen packen. Ihre Wohnungen könne der Eigentümer dann gewinnbringend verkaufen.

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