Gentrifizierung in Kreuzberg : Club Watergate kämpft mit Mieterhöhung

Nun hat es auch das Watergate getroffen: Der Kreuzberger Club soll doppelt so viel Miete zahlen. Der Betreiber hat wenig Hoffnung auf Hilfe.

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Das Wasser bis zum Hals. Steffen "Stoffel" Hack gründete das Watergate vor 15 Jahren direkt an der Oberbaumbrücke.
Das Wasser bis zum Hals. Steffen "Stoffel" Hack gründete das Watergate vor 15 Jahren direkt an der Oberbaumbrücke.Foto: Thilo Rückeis

Auf dem Dancefloor im Erdgeschoss des Kreuzberger Clubs Watergate, dort, wo jedes Wochenende die Nächte durchgefeiert werden, ist es jetzt, an einem Freitagmittag, ganz ruhig und beschaulich. Von den Sitzgelegenheiten aus hat man einen hervorragenden Panoramablick auf die Spree, ein großer Wasservogel fliegt vorbei, die Sonne spiegelt sich im Fluss, es ist herrlich. Doch die Stimmung von Watergate-Betreiber Steffen Hack, den in der Berliner Clubszene alle nur Stoffel nennen, will nicht so recht zu dem gebotenen Ambiente passen. All das, was er hier hat – einen bestens laufenden Club in Toplage, einen Laden, der weit über Berlin hinaus auch für diesen einmaligen Blick direkt auf das Wasser bekannt ist – scheint existenziell bedroht zu sein.

Jedes Wochenende bilden sich lange Schlangen vor der Tür

Passiert ist das mittlerweile Übliche in Berlin: Das Gebäude, in dem sich das Watergate direkt an der Oberbaumbrücke befindet, hat vor zwei Jahren für etwas weniger als sechseinhalb Millionen Euro den Besitzer gewechselt. Der hat, da der alte Gewerbemietvertrag des Watergate ausgelaufen war, vor einigen Monaten eine Mieterhöhung angekündigt. Nun soll Steffen Hack doppelt so viel Miete bezahlen wie bisher.

So läuft das eben, „der Markt regelt den Preis“, weiß Hack selbst und „Gewerbemieten haben keinen Schutz.“ Er versteht sehr wohl, was hier passiert, dass hier nun jemand gehörig mitverdienen möchte an seinem kommerziellen Club, vor dem sich Wochenende für Wochenende endlose Schlangen bilden, weil er zu den beliebtesten Ausgehläden in Berlin gehört. Aber hundert Prozent Mieterhöhung auf einen Schlag kann eben auch ein Watergate nicht einfach so wegstecken. Gerne hätte man noch gewusst, was der neue Vermieter des Watergate, die Unternehmengruppe Padovicz, dazu sagt. Doch dort war auch nach mehrfacher Nachfrage niemand für den Tagesspiegel zu sprechen.

Soll er die Preise für Eintritt und Bier erhöhen?

Alle möglichen Szenarien, wie er mit der saftigen Mieterhöhung umgehen soll, habe er bereits durchgespielt, erklärt Steffen Hack. Umzug mit Sack und Pack an einen anderen Ort? „Nur wohin“, fragt er und mit einem Blick raus aus dem Fenster fügt er hinzu: „Die Location hier ist einmalig.“ Außerdem verpflanze man einen gut gehenden Club besser nicht woanders hin, wer weiß schon, ob so ein Umzug vom Zielpublikum angenommen wird. Und ganz aufhören? „Habe ich auch überlegt“, sagt Hack, „aber wir haben uns etwas aufgebaut und das wollen wir uns nicht so einfach wegnehmen lassen.“

Noch sei nicht sicher, wie es mit dem Watergate weitergeht und was die konkreten Folgen der Mieterhöhung sein werden. Eintrittspreise erhöhen, Bier teurer verkaufen? „Da sind wir bereits am Limit, auch im Vergleich zu anderen Berliner Clubs“, sagt Hack. Das wahrscheinlichste Szenario ist demnach, nicht mehr nur an den Wochenenden Partys zu veranstalten, sondern auch mal an einem Dienstag oder einem Donnerstag. Wirklich glücklich wäre Hack über diese Lösung nicht. „Eigentlich ging es beim Watergate auch mal um Kultur“, sagt er, „wenn man dann aber nur noch dem Geld hinterherrennen muss, wenn der Laden immer voll sein, es immer knallen muss, um den Kostendruck auszuhalten, kann man diesen Anspruch irgendwann vergessen.“

Wenn Clubs sparen müssen, wird oft das Programm schlechter

Lutz Leichsenring, Sprecher der Club Commission, die als Verein für die Interessen der Berliner Clubs eintritt, sagt, was dem Watergate drohe, gehöre zum „qualitativen Clubsterben, von dem wir immer sprechen.“ Wenn der finanzielle Druck auf einen Club größer werde, habe das oft zur Folge, dass beim Booking gespart werde, ergo: „Das Programm könnte schlechter werden.“ Oder der Club gehe, um an mehr Geld für die gestiegene Miete zu kommen, zunehmend Kooperationen mit Marken und Werbepartnern ein – ein „Eingriff in die Berliner Subkultur“, meint Leichsenring.

Je länger Steffen Hack über Ursachen und Folgen der Mieterhöhung spricht, desto ungehaltener wird der der 53-Jährige und ist bald kaum noch zu bremsen. Er hat seine Slipper ausgezogen, sitzt barfuß im Schneidersitz und redet sich jetzt regelrecht in Rage: Er fängt bei der Lehmann-Krise Ende der Nullerjahre an, schimpft über die Null-Zins-Politik und schwenkt dann zu den Milliardenschulden, die Berlin hat. Aus all dem, was da hervorbricht, lässt sich die Erzählung von einem Berliner Club herausfiltern, der vor 15 Jahren als ein Wagnis und ein Abenteuer gegründet und aus dem irgendwann eine Erfolgsgeschichte wurde. Dieser Club, so lassen sich Hacks Tiraden zusammenfassen, sei nun weitgehend ungeschützt in einer Stadt, die sich, um die eigene Schuldenlast zu minimieren, an die Investoren und Spekulanten verkauft habe.

Kein Beistand für den Club

Bizim Kiez, die Kreuzberger Anti-Gentrifizierungsinitiative, die kürzlich erst der Bäckerei Filou zur Seite stand, lässt auf Anfrage nur ausrichten, man könne zum Fall Watergate nicht mehr sagen als der Club selbst. Florian Schmidt, der als Grünen-Baustadtrat gerade mit dem bezirklichen Vorkaufsrecht für das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ) einen privaten Investor ausstach, äußert sich zurückhaltend zur Causa Watergate: "Leider können wir Mieterhöhung von Gewerberäumen rechtlich nicht entgegentreten. Wir versuchen, bestehende Clubs zu schützen und neue Räume zu schaffen, wenn wir planungsrechtlich eingreifen können oder auf landeseigenen Grundstücken die Mieterstruktur bestimmen können." Wer kann und will dem Club, der die Aufwertung des Kiezes zweifellos mit vorangetrieben hat, helfen?

Steffen Hacks Fazit jedenfalls fällt hoffnungslos aus: Egal, ob Handwerksbetriebe, kleine Geschäfte oder eben sein Club – „wir werden bald alle verdrängt sein“, sagt er. „Es gibt niemanden, der das verhindern könnte. Hier herrscht der reine Wahnsinn.“

Noch aber ist es nicht so weit, noch öffnen sich die Türen zuverlässig jedes Wochenende. Die Ankündigung zu den aktuellen Partys anlässlich des 15. Clubgeburtstags klingt trotzig und kampfbereit: „Wir hören garantiert nicht auf.“

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es, dass sich der Baustadtrat Florian Schmidt nicht zum Thema geäußert habe.

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