Berlin : Georg Schlütter (Geb. 1941)

Er war penetrant. Er hat genervt. So konnte er seinem Herrgott am besten dienen

Pfarrer Georg Schlütter war ein Türenstürmer. Höflich klopfen, warten und nach Aufruf in die Amtsstuben schleichen? Nein. Er nicht. Einfach Tür auf, rein und zack: „Ich brauche dringend Geld für die Kirchen-Renovierung!“ „Ich brauche dringend zwei oder besser drei eurer Franziskaner-Schwestern!“ „Ich brauche dringend einen alten Bauernhof!“

Wer da mit einem „Das klappt so nicht“ kam oder mit einem „Das müssen wir erst mal sehen“, der wurde den Pfarrer nicht mehr los, bis das so klappte und bis man gesehen hatte. Schlütter war penetrant, Schlütter hat genervt, denn Schlütter wollte was bewegen. So konnte er seinem Herrgott am besten dienen, da war er sich sicher.

1941 kam Georg Schlütter in Rees in Nordrheinwestfalen auf die Welt. Der Haushalt ordentlich, die Mutter gläubig, auf eine bodenständige, einfache und auch liebende Art. Sie war es auch, die ihm 1969 zur Priesterweihe seine Stola mit einem Gebet in hebräischen Buchstaben bestickte: „Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“

Warum Schlütter sich entschloss, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden, ob er Zweifel hatte, ob er als Jugendlicher mal tanzen war oder gar ein Mädchen küsste, all das behielt er für sich. Er war immer unterwegs, umgeben von Menschen, immer hatte er eine Rolle zu erfüllen, immer war er der Pfarrer Schlütter und nur selten der Georg. Wovon er hingegen niemals schwieg, wovon er immer erzählte, das war die Liebe zu Gott und die Liebe Gottes zu den Menschen. Denn für ihn war Jesus keiner, der auf einer Empore thront, sich im Scheinwerferlicht sonnt, sich bejubeln und vergöttern lässt. Für Schlütter steht Jesus unter den Obdachlosen, den drogenabhängigen Jugendlichen oder den orientierungslosen Firmlingen.

1975, ein Auto fuhr in die Weddinger Bellermannstraße ein und hielt vor der St.-Petrus-Kirche. Der junge Georg Schlütter stieg aus, holte ein paar Kartons aus dem Kofferraum und blickte nach oben. Hier sollte er nun wirken, sollte da sein für die Arbeiterkinder aus dem rauen Wedding, mitten im ummauerten Berlin. Der Pfarrer der Kirche empfing ihn so: „Das Sie hier sind, da bin ick dagegen. Sie sind’n Wessi und die mag ick nich’.“ West-Berliner, das muss man klären, waren damals noch keine Wessis.

Doch davon ließ Schlütter sich nicht abschrecken, sammelte die Jugendlichen, organisierte Jugendclubs, druckte eine Jugendzeitung, reiste mit ihnen nach Italien, nach Spanien, lief mit ihnen den Jacobsweg. Es kam ein völlig neues Leben in die Gemeinde. Vom Wedding ging es nach Kreuzberg in die St. Marien- Kirche. Hier gründete Schlütter eine Pfarrer- WG. Zum Mittagessen erhob er das Wort zum Tischgebet, obwohl er selten predigte. Viel lieber sprach er aus, was ihn beschäftigte, was ihn freute und ärgerte, was ihn traurig machte. Traurig machten ihn die Obdachlosen und Drogenabhängigen, von denen es hier in der Wrangelstraße viele gab.

Zuerst begegnete er ihnen bei Beerdigungen, die er für ihresgleichen hielt. Dann richtete er eine Notübernachtung ein und organisierte eine tägliche Mahlzeit. Und immer schaute er, dass er genügend Münzen in der Tasche hatte. „Die Leute müssen nach Geld fragen. Das ist ihre Arbeit“, sagte er einmal einem Kardinal, der zu Besuch war.

Wütend war er, wenn wieder alles zu lange dauerte, die Bürokratie im Weg stand, wenn die Unbeweglichen unbeweglich und die Bequemen bequem blieben. In seinem Drang und seinem Eifer war Schlütter auch ein Spalter. Entweder man mochte ihn, dann stürmte man mit ihm, oder man fühlte sich überrumpelt, dann mied man ihn. Zu den Verzagten und Mutlosen sprach er einmal, zweimal, wer dann nicht mitmachen wollte bei seinen Ideen, Projekten und Vorschlägen, den ließ er zurück.

Zu verrückt, zu teuer, unmöglich – das gab es bei ihm nicht. Ende der neunziger Jahre lernte er die Fazenda- Projekte in Brasilien kennen. Drogenabhängige Jugendliche schlossen sich Hof-Gemeinschaften an, arbeiteten, lebten und beteten zusammen. Manche von ihnen schafften es so aus der Sucht. Schlütter wollte so was auch in Deutschland. Zufällig traf er in Brasilien die damalige Familienministerin Claudia Nolte. Sie machten einen Deal. Schlütter organisierte Grundstück, Hof und alles drum herum, sie kümmerte sich um die Finanzierung. Heute gibt es sieben dieser Höfe in Deutschland.

Schlütter war nicht zu stoppen und auch sein Tod im Juni 2017 ist sicher nur ein Übergang an einen anderen Ort, an dem er weiter wirbeln und über die Liebe Gottes sprechen kann.

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