Berlin : George Newman (Geb. 1923)

Er traf die Queen und machte Berlin britischer

von

Sollte er heute das Europakreuz tragen oder das Bundesverdienstkreuz? Den MBE, Most Excellent Order of the British Empire, Ritterorden der Queen, oder den der British Legion? George Newman hatte viele Auszeichnungen, zu viele für eine Brust. Bevor er das Haus verließ, musste er sich entscheiden, was er ansteckte.

Wenn auf dem Berliner Maifeld alljährlich die Geburtstagsparade für Queen Elizabeth stattfand, wenn die britische Botschaft in der Wilhelmstraße feierte, wenn irgendwo in Berlin irgendetwas mit Großbritannien passierte, dann waren George und Ursula Newman dabei. An Georges Brust baumelten dann die Orden.

Mindestens einmal im Jahr trafen sie Mitglieder des britischen Königshauses. Sie staunten über Fergies tolle Beine, trafen auf Prinz Philipp mit Mundgeruch und einen niedergeschlagenen Prinz Charles, an dem Tag, als Lady Diana über ihn im Fernsehen herzog. Auch die Queen begrüßte die Newmans mehrmals.

Während der Zeit der Luftbrücke hatten die Briten George Newman, einen Soldaten und Starkstromelektriker, nach Berlin geholt. Er sollte im britischen Sektor Generatoren aufstellen, vor Polizeistationen, vor Krankenhäusern, am Funkturm.

Doch Newman prüfte nicht nur Maschinen, später bei Siemens, er begann auch Berlin britisch zu machen. 40 Jahre lang unterrichtete er Konversation, obwohl ihm die Aussprache mancher Deutscher wehtat. Er führte Berliner auf Studienreisen durch sein Land, zu Burgen und Schlössern, zu Winston Churchills Haus. 1974 wurde Newman Vorsitzender der British Legion in Berlin, der Kriegsveteranenorganisation, und half deutschen Frauen verstorbener britischer Soldaten, ihre Rentenanträge auszufüllen. Wenn der RBB einen Berliner Briten suchte, filmte er George Newman. Für Auftritte in Vereinen – Newman war Mitglied bei den Ancient Britons, den Maureen Lowers, dem Casino Gentlemen’s Club – schrieb er Reden. Manchmal war er jeden Abend in der Woche eingeladen, in einem Jahr musste er zu 13 Adventsfeiern. Er übersetzte mit seiner Frau Patentschriften und Handbücher, abends noch im Urlaub.

Denn vor allem machte George Newman seine Frau Ursula, eine echte Berlinerin, in 43 Jahren Ehe britisch. Es war Liebe auf den ersten Blick, 1968 im Café Keese, er sang ihr beim Tanzen englische Lieder ins Ohr, nach drei Monaten zogen sie zusammen, heirateten im nächsten Jahr, er wurde ihrem Sohn aus erster Ehe ein Vater.

Zu DDR-Zeiten verschaffte George Newman seiner Frau die britische Staatsbürgerschaft, damit sie Berlin verlassen könnten, sollte es sowjetisch werden. Er nahm sie mit in sein Elternhaus, nach Hounslow, Middlesex, in die Doppelhaushälfte, wo er als zweitältestes Kind eines Soldaten 1923 zur Welt gekommen war, wo im Bad flauschige Teppiche lagen und auf der Straße alte englische Damen in pastellfarbenen Kostümen spazieren gingen. Während George Newman in der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Siemensstadt Darts, Snooker, Fußball schaute, backte seine Frau Scones, machte Rührei mit Bacon, kochte bittere Orangenmarmelade ein – damit er keinen Abend ohne seinen Toast ins Bett gehen musste. Als Lady Diana starb, trauerten sie gemeinsam, wie sie auch gemeinsam die Queen für ihre Ehe, für ihre Staatsbesuche, für ihre Disziplin bewunderten.

Disziplin war George Newman wichtig, seit er mit 14 die Kadettenschule in Chepstow besucht hatte. Dort hatte er gelernt, wie die Kleider im Schrank liegen und die Hemden gebügelt werden mussten, er hatte auch die Genauigkeit trainiert, mit der er später Weihnachtssterne bastelte, die eigene Eckbank bezog, die Scheibe in der Gartenlaube einsetzte. Und, dass man gute dunkelblaue Anzüge, dazu braune Schuhe trägt, keine Zoten reißt.

„Mein Mann rauchte Pfeife, bis er sie nicht mehr halten konnte“, sagt Ursula Newman. Damit war vor etwa fünf Jahren Schluss. George erwachte aus einer Routineoperation, zitterte am ganzen Körper. Ein Ärztefehler soll es gewesen sein, Newman begann seine Freunde zu verwechseln, erzählte keine Geschichten aus seiner Soldatenzeit mehr, sang morgens keine Lieder aus seiner Heimat mehr, kein Oh Danny Boy, keine Wortwitze, wollte keinen Tee mit Milch mehr trinken.

Fünf Jahre lang nahm Ursula Newman Abschied und pflegte ihren Mann.

Für Georges Beerdigung legte sie alle Orden auf ein Kissen. Heute stapeln sie sich in einer Schublade und baumeln von seinen alten Jacketts. Julia Prosinger

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar