Berlin : George Tabori: Akte der Gewalt

Günther Grack

Am Anfang tobt eine finstere Orgie der Gewalt. Das Licht im Theatersaal ist erloschen, da bricht sich aus der hintersten, der obersten Zuschauerreihe eine Gestalt keuchend Bahn durch das Publikum, taumelt auf die Arenabühne, ein Gräberfeld, wirft da einen Stein um, sprüht dort auf einen anderen im Schein einer Taschenlampe eine SS-Rune, ein Hakenkreuz. Und während die Toten sich aus ihren Erdlöchern erhoben haben und dem Eindringling bei seinem Tun stumm zusehen, vollendet der sein Werk an der Rückwand des Friedhofs mit einem Davidstern und der Parole "Juda verreke". Worauf der Älteste der Toten ihn anspricht: "Verrecke mit ck, mein Junge."

Eine makabre Pointe. George Tabori setzt damit schon zu Beginn seines Stücks ein Zeichen: Es darf hier auch gelacht werden - wenngleich es im weiteren Verlauf der Aufführung mitunter schwer fällt, den schwarzen Humors des Autors zu teilen. Tabori hat sein "Jubiläum" 1983 zum 50. Jahrestag der Machtergreifung Hitlers geschrieben und die Uraufführung im Schauspielhaus Bochum selbst inszeniert, genauer: im Foyer unter Einbezug der Straße hinter der Fensterfront. Theaterwelt und Alltagswelt sollten ineinander übergehen, um zu verdeutlichen, wie virulent der alte Gräuelgeist der Rechten damals, 1983, immer noch war.

Dass er es auch heute immer noch ist, ja vielleicht stärker als vor 17 Jahren, hat Thomas Langhoff bewogen, das Stück in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin zu neuem Leben zu erwecken - unter Fortschreibung gewisser Jahreszahlen, was das so genannte Jubiläum betrifft. Denn auch die fünf Toten, die hier aus ihren Gräbern erstehen, sind älter geworden. Arnold, ohnehin der Älteste (Otto Mellies), und seine Frau Lotte zum Beispiel haben damals, 1983, die 50-Jahr-Feier ihrer ersten Liebesnacht begangen und sich zugleich erinnert, wie sie die Fackelparade der braunen Kolonnen zur Feier von Hitlers Triumph hatten marschieren sehen. "67 Jahre heute": eine Berichtigung, die in ihrer Korrektheit auch etwas bürokratisch Kleinliches hat. Ordnung - muss sie sein angesichts eines Stücks, das sprunghaft nicht nur die Zeitebenen wechselt, sondern auch die Identitäten seiner Figuren, die hier und da die Rollen von Opfer und Täter tauschen? Ja, das sogar den Unterschied zwischen Jude und Nichtjude aufhebt: "Jetzt bist du auch ein Saujud", sagt der schwule Friseur Otto zu seinem Freund Helmut, der sich hat beschneiden lassen - aus Solidarität mit den Juden und aus Scham für seinen Neffen Jürgen, jenen jungen Nazi.

Bei allem Respekt vor dem Autor muss doch gesagt sein, dass Tabori sich in diesem Punkt vergriffen hat. Dass er sich bemüht, in den Kreis der Opfer nazistischer Gewalt auch die Homosexuellen einzubeziehen, ist richtig gedacht - falsch getan jedoch ist es auf diese Weise. Langhoff hat seine Darsteller zwar erfolgreich angehalten, sich möglichst locker zu geben: Michael Schweighöfer (Otto) unterrichtet seine Kundin Cornelia Heyse (Lotte) im Ton vertraulicher Freundschaft über Helmuts Vorhaben und findet dafür ein heiter geneigtes Ohr bei ihr, und als darauf Bernd Stempel (Helmut) vorsichtigen Schrittes erscheint und mit angehaltenem Atem bekennt, er habe "Angst zu pullern", soll hier wieder einmal gelacht werden - es gelingt aber nur unter Pein.

Ein Ausrutscher, der ein Einzelfall bleibt auf einem Schauplatz, der mit schwarzem Gummi ausgelegt ist (Bühnenbild: Robin Oliver Focken). Ein Zaun grenzt den Totenacker zu den beiden seitlichen Zuschauertribünen ab, gleichsam zum Schutz vor der Aggressivität, die den Grabschänder umtreibt und die ihn schließlich aus der Rolle fallen und sich auch gegen das Publikum kehren lässt - mit der These, Gewalt mache "Spaß", nicht nur ihm, sondern uns allen. Hans-Jochen Wagner (Jürgen), ein Kraftpaket in schwarzem Ledermantel, schwingt einen ballernden Gameboy, stampft auf ein Grab, pinkelt in ein anderes, traktiert den Zaun mit Fußtritten. Eine Szene, die auf ihre bullige Art Schrecken erregt.

Auf genau gegenteilige Weise, geisterhaft zart und zerbrechlich, lässt eine andere Szene erschauern: jene, in der das fünfte Opfer von Jürgens Friedhofsschändung, Mitzi, eine Spastikerin, aus ihrem Grab groß herauskommt. Claudia Geisler hat an dessen Rand bisher eine Reihe von Babypuppen gehütet, jetzt steht sie auf und rekapituliert, eine Puppe nach der anderen vorzeigend und hinter sich werfend, was Kinder im KZ als Versuchskaninchen von NS-Ärzten haben erdulden müssen. Bis sie auf einmal die Identität wechselt, als Staatsanwalt einen dieser schrecklichen Mediziner verhört - und rehabilitiert. Taboris sarkastischer Biss zwickt hier zutreffend schmerzhaft.

Den Schluss hat Langhoff durch Umstellung zweier Szenen verschärft. Nicht der Geist von Arnolds Vater (mit der Stimme des Autors) erscheint hier, das Sabbatbrot reichend, zum versöhnlichen Finale, sondern das letzte Wort hat im Gespräch mit einem Totengräber (Dietrich Körner) der junge Nazi: Er greift sich Mitzis Totenkopf, wägt ihn, sagt: "Arme Mitzi. Eigentlich sieht sie gar nicht jüdisch aus", küsst den Schädel auf seine blanken Zähne - und schmeißt ihn weg. Letztlich ist ihm das Judenmädchen nicht mehr wert als die Ratten oder anderes Ungeziefer, das hier auszumerzen ist. Das Premierenpublikum sitzt eine Weile wie erstarrt, findet sich erst langsam zu Beifall bereit. Ein beklemmender Abend.

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