Berlin : Gerdeen-Mosaik wird saniert: Ein Gesicht für die Ewigkeit

Tobias Arbinger

Werbung gilt eigentlich als eine recht kurzlebige Angelegenheit. Bei der "Dame von Gerdeen", einer Kosmetikreklame aus DDR-Zeiten, die nach der Wende an einer Wand im südöstlichen Teil des S-Bahnhofs Friedrichstraße gefunden wurde, liegt der Fall eindeutig anders. Das Keramikmosaik in leuchtenden Farben scheint wie für die Ewigkeit gemacht.

Mit einem im "ägyptisierenden Stil" dargestellten Paar auf dem 2,52 mal 1,61 Meter großen Wandbild warb die Berliner Kosmetikfirma Gerdeen in den sechziger Jahren für Lippenstift und Nagellack. Nun wird das ungewöhnliche Stück restauriert - ein Vorhaben, das sich als detektivische Aufgabe entpuppt hat.

Denn dem anmutigen ägyptischen Pärchen fehlen die Gesichter. Sie wurden beim Anbringen einer "Interflug"-Reklame über dem Mosaik in den siebziger Jahren zerstört. Ein Beistelltisch, auf dem die Produktpalette von Gerdeen zu erkennen war, ging bei der Sanierung des S-Bahnhofs vor zwei Jahren, 1998, zu Bruch. Da aber das Mosaik Bestandteil des unter Denkmalschutz stehenden Bahnhofs ist, bezahlt die Bahn AG nun seine Sanierung. Der Versuch von Restaurator Stefan Grell, alte Fotos von der Werbung aufzutreiben, nach denen er die Gesichter rekonstruieren könnte, waren bislang aber nur wenig erfolgreich.

Verlorene Spuren

Seit einem drei viertel Jahr durchforstet der Diplom-Restaurator die Archive nach Unterlagen zu der von der Künstlerin Gertrud Triebs gestalteten Darstellung. Grell forschte nach der Künstlerin. Ihre Spuren haben sich verloren. Er traf den Keramiker, der das Mosaik hergestellt hat, Johann Kwederawitsch.

Der 79-Jährige lebt heute in Marzahn. Er hat in der DDR etliche Foyers, Aufenthalts- und Speisesäle mit seinen Mosaiken geschmückt. Vorlagen existieren aber leider nicht mehr. Grell war in den Archiven von BVG und Reichsbahn, sogar in der Gauck-Behörde. Er besuchte das Firmenarchiv von Gerdeen, die irgendwann Teil des Volkseigenen Betriebs Berlin-Kosmetik wurde - ohne Erfolg. Das Einzige, was Grell fand - in einer Postkartensammlung - sind zwei Fotos aus den sechziger Jahren, die das Mosaik aus der Ferne zeigen. Darauf sind die Gesichter aber kaum zu erkennen.

In der Ofenfabrik im brandenburgischen Velten ließ Grell in den vergangenen Wochen für die Stellen, die sich rekonstruieren ließen, Keramikstücke nachbrennen. Demnächst werden die Teile eingesetzt. Im Frühjahr kommenden Jahres wird das zweihundert Kilogramm schwere Mosaik wieder für jedermann zu sehen sein, in einer Vitrine im S-Bahnhof-Friedrichstraße. Die Gesichter werden einstweilen provisorisch mit Kunststoffmasse gekittet. Bis irgendwann vielleicht doch noch Fotos vom Original auftauchen.

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