Berlin : Gerhard Leo (Geb. 1923)

„Le Rescapé“, der Davongekommene, nannten ihn die Partisanen.

Gregor Eisenhauer

Ein Seil wurde an der Laterne befestigt, zwei Leitern angelehnt. Auf der einen musste Michael hinaufsteigen, auf der anderen sein Henker. Bevor der SS-Mann oben angekommen war, stieß ihn Michael mit einem Tritt von dessen Leiter, steckte seinen Kopf selbst in die Schlinge und sprang in die Tiefe.

Der befehlshabende SS-General beobachtete den Todeskampf vom Haus gegenüber, General Heinz Bernhard Lammerding, Kommandeur der SS-Division „Das Reich“. Zur selben Zeit wurden auf seinen Befehl in der Stadt Tulle neunundneunzig Geiseln erhängt; im kleinen Ort Oradour-sur-Glane befahl er den Tod von 642 Männern, Frauen und Kindern.

Der Märtyrer von Uzerche, alias Michael, alias Edouard Chauvignant war in seinem Wagen gemeinsam mit zwei Kameraden der Résistance einer SS-Panzerpatrouille in die Hände gefallen. Gerhard Leo, der Fahrer des zweiten Wagens, konnte mit seinen Männern entkommen. „Es ist besser, ich fahre den ersten Wagen“, mit diesen Worten hatte Michael seinen Freund Gerhard Leo vom Steuer ferngehalten. „Ich kenne hier jeden Winkel.“

Sommer 1944. Die Landung der Alliierten steht unmittelbar bevor. In Südfrankreich, dem von den Deutschen zunächst unbesetzten Teil des Landes, formiert sich der Widerstand.

Gerhard Leo arbeitete seit 1943 mit gefälschten Papieren bei deutschen Dienststellen und gab wichtige Informationen über die deutschen Truppentransporte an die Résistance weiter.

Er war Zeuge, wie rücksichtslos Gendarmen und Milizionäre Handlangerdienste für die Nazis leisteten. Er war Zeuge der Verbrechen der Wehrmacht wie etwa dem Massenmord an Zivilisten in der Corrèze. Er behielt im Gedächtnis, wie Ärzte gegen ihren Eid verstießen, und er schrieb es später auf: „,Wer glaubt, nicht transportfähig zu sein, einen Schritt nach vorn.‘ Es traten fünf Mann vor, darunter ein Greis mit weißem Vollbart und erschreckend magerem Oberkörper. Einer schob sein linkes Hosenbein hoch und zeigte eine Prothese. Zwei hatten tiefe, eiternde Wunden auf dem Rücken, Spuren der Vernehmungen. Ein weiterer rang mühsam nach Luft. ,Alle transportfähig’, sagte der Stabsarzt nur und zog genießerisch an seiner Zigarre.“

Gerhard Leo traf deutsche Soldaten, die noch immer an den Endsieg glaubten, und solche, die längst an ihrem Tun verzweifelt waren. Er hörte ihnen zu, hörte, was sie mitangesehen, mitverbrochen hatten: „In einem Dorf in Russland hockte mitten in den verkohlten Trümmern ein dreijähriges Kind und weinte. Ein Soldat hielt den Geländewagen an, sprang ab, um das Kleine zu holen. Der Leutnant, der neben ihm saß, hinderte ihn: ,Lassen Sie das Balg da, dafür haben Sie keinen Befehl!’“

Viele Soldaten wussten von den Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung im Osten wie im Westen. Sie ahnten die Niederlage und fürchteten die Rache der Sieger, Angst mengte sich mit sinnlosem Trotz.

Gerhard Leo wurde von einem dieser Soldaten verraten und im Februar 1944 von der Feldgendarmerie verhaftet. In der „Strafsache Gerhard Leo, alias Gérard Laban, alias Lebert, alias Jean-Pierre Ariége“ drohte das Todesurteil. Er war der „vorsätzlichen Zersetzung der deutschen Wehrkraft“ und des Hochverrats angeklagt. Das Gericht entschied, wegen der „Schwere der Verbrechen“ den Fall an das Oberste Kriegswehrmachtsgericht in Paris abzugeben.

Auf der Fahrt nach Paris wurde Gerhard Leo am 1. Juli 1944 von einer Partisaneneinheit befreit. Andernfalls wäre er vermutlich in die Festung Mont Valérien am Stadtrand von Paris gebracht worden, wo bis zur Befreiung 4500 Résistance-Kämpfer erschossen wurden.

„Le Rescapé“, der Davongekommene, war der Name, den ihm seine neuen französischen Kampfgefährten gaben.

Davongekommen waren auch seine Eltern. Die Familienpapiere hatte der Vater kurz vor der Flucht 1933 verschnürt und einem Bekannten zur Aufbewahrung gegeben. In den siebziger Jahren fanden sie sich in einem Rheinsberger Schuppen wieder. Darunter war ein Brief Alexander von Humboldts aus dem Jahr 1831 an Gerhards Urgroßvater Julius Leo, in dem Humboldt ihn zu seinem soeben erschienenen Buch über Pflanzenheilkunde beglückwünschte. Ärzte und Anwälte, das war Tradition in der jüdischen Familie. Die Tradition wurde von den Nazis jäh unterbrochen. 5000 Reichsmark zahlte die Familie an einen professionellen Schmuggler, der den Zehnjährigen und seine Eltern bei Aachen sicher über die Grenze brachte.

Während der Vater zunächst einen kleinen Buchladen in Paris gründete und nach seiner zeitweiligen Internierung untertauchen konnte, schloss sich sein Sohn der Résistance an.

Die Arithmetik des bewaffneten Widerstandes: Der Partisanenkrieg im Sommer 1944 kostete über 2000 Menschen das Leben, 1253 wurden deportiert, nur wenige kamen zurück. Die Einheiten der SS-Division verzeichneten 17 Tote und 30 Verwundete.

Aber: Durch die zeitraubenden „Säuberungsaktionen“ der SS trafen die ersten Einheiten der Division mit mehr als einer Woche Verspätung in der Normandie ein, obwohl vom Obersten Heereskommando nur drei Tage für die Strecke veranschlagt worden waren.

Die Landung der Alliierten, ohnehin blut- und verlustreich, wäre ohne den Widerstand der Kämpfer in der Corrèze kaum möglich gewesen, bilanzierte der alliierte Geheimdienst. Eine Panzerdivision mehr hätte „wahrscheinlich die noch schwache alliierte Front auf den Strand zurückgeworfen.“

Er hatte einen Mann vor der sicheren Verhaftung bewahrt, konspirative Flugblätter verteilt, Informationen über das Transportwesen der Wehrmacht für die Résistance gesammelt. Er war mehrfach inhaftiert, mehrfach hatte er sein Leben riskiert. „Das alles war recht wenig für ein Leben.“ Die Bilanz eines Einundzwanzigjährigen.

Nach dem Krieg arbeitete Gerhard Leo zunächst als Journalist in Westdeutschland. Er deckte 1947 auf, dass im IG-Farben-Betrieb in Leverkusen nicht nur Erwachsene, sondern auch polnische und russische Kinder Zwangsarbeit geleistet hatten. Viele von ihnen überlebten die Fron nicht, ein kleiner Kinderfriedhof zeugt davon.

1954 übersiedelte Gerhard Leo in die DDR. Die Bundesrepublik war für ihn der Staat, in dem ein Mann wie Heinz Lammerding, der als SS-Stabschef im Zuge von „Sühnemaßnahmen“ die Zerstörung zahlreicher Dörfer und Städte in der Sowjetunion zu verantworten hatte, der als Befehlshaber der 2. SS-Panzerdivision „Das Reich“ die Morde an französischen Zivilisten befahl, von der deutschen Justiz nie behelligt wurde – obwohl er in Frankreich in einem rechtskräftigen Verfahren zum Tode verurteilt worden war. SS-General Lammerding starb, erfolgreich und angesehen, 1971 in Bad Tölz an Krebs.

Gerhard Leo machte Karriere in der DDR, er wurde Korrespondent der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ in Paris, berichtete über die Streiks der Arbeiter und Studenten, was ihm ein einjähriges Einreiseverbot in Frankreich einbrachte. Als Widerstandskämpfer von der SED hofiert, waren ihm zahlreiche Privilegien garantiert, was ihn nicht vor zeitweiliger Bespitzelung schützte.

Als die Mauer fiel, war er in Sorge: Er misstraute dem wiedervereinigten Deutschland, war sich nicht sicher, ob er seinen Platz finden würde. Er fand ihn. Er fand ihn an der Seite derer, die zu den Verlierern der Geschichte zählen, so sich keiner an ihre Geschichte erinnert.

Gerhard Leo übersetzte das Tagebuch von Denise Bardet: Die Deutschlehrerin in Oradour-sur-Glane wurde am 10. Juni 1944 gemeinsam mit ihren Schülern von SS-Leuten ermordet.

Er ging an Schulen, erzählte seine Geschichte, die Geschichte des Widerstands, und er setzte sich für Menschen ein, denen die Ausweisung aus Deutschland drohte. Noch im hohen Alter kam er mindestens einmal in der Woche nach Köpenick, um „seine Gefangenen“ zu besuchen: Abschiebehäftlinge aus Liberia, Algerien oder aus Sierra Leone, die ihm sein letztes Alias gaben: „Papa Leo“.

Menschen, die er vor der Abschiebung bewahren wollte: Lumembu Kasenda aus Kongo, Ahmed Bozbacar aus Tunesien, Kwesi Capochichi aus Benin, Kader Vehicle aus Algerien, Cihan Ileras aus der Türkei, Abdel Kader Weriah aus Algerien, Victor Postache aus Moldawien, Zainu Bawal aus dem Sudan, Paul Lones aus dem Sudan, Abdel Hassan Bemuzuone aus Algerien, Ibrahim Kourouma aus Guinea, Atef Baldan aus Tunesien, Brier Ibrahim Musa aus dem Sudan, Ikye Njoku aus Nigeria. Gregor Eisenhauer

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