Geschichte eines Stasi-Anwerbungsversuchs : Später kam ein Herr aus Erfurt

Immer wieder versuchte die Stasi in der Zeit des Kalten Krieges, Tagesspiegel-Mitarbeiter zu Spitzeldiensten zu überreden. Unser Autor hat das selbst erlebt.

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Den wollen wir! Von Klaus Kurpjuweit erhoffte sich die Stasi Einblicke in die Redaktion. Foto: privat
Den wollen wir! Von Klaus Kurpjuweit erhoffte sich die Stasi Einblicke in die Redaktion.Foto: privat

Es war ein Sonntag. Mein Onkel hatte mich vorgewarnt: Nachher komme jemand aus Erfurt, der mit mir sprechen wolle. Einfach so. Von mir aus. Aber es war schon seltsam. Erfurt war immerhin knapp hundert Kilometer entfernt vom Wohnort meiner Verwandten bei Eisenach, die ich besucht hatte. Im Oktober 1983. Wenige Stunden später saß ich mit dem Unbekannten, der sich als Beauftragter des Rats des Bezirks vorgestellt hatte, am Küchentisch. Mehrere West-Politiker hatten damals die DDR besucht. Deren Ansichten kenne man nun. Jetzt wolle man in der Partei auch wissen, was die normalen Besucher aus dem Westen von der DDR hielten, hatte er das Gespräch begründet. Er wisse aus meinem Besuchsantrag, dass ich Redakteur sei. Und er lese auch den Tagesspiegel – dienstlich, sagte er.

Irgendwann kam dann die Frage, was mir an dem sozialistischen Staat nicht gefalle. Der Zwangsumtausch. Mein Gesprächspartner korrigierte mich: Ich meine wohl den Mindestumtausch. Egal, es war kein Problem mehr. Bei unserem nächsten Treffen in der Hauptstadt solle dies kein Problem sein, sagte der Unbekannte, der sich zwar vorgestellt hatte, dessen Namen ich aber längst wieder vergessen habe.

Rechts oben. Gegen den Willen des Mitarbeiters machte der Tagesspiegel den Anwerbeversuch öffentlich. Faksimile: Tsp
Rechts oben. Gegen den Willen des Mitarbeiters machte der Tagesspiegel den Anwerbeversuch öffentlich.Faksimile: Tsp

Spätestens mit dem Versprechen, ohne Zwangs- oder Mindestumtausch zu einem weiteren Treffen kommen zu können, war mir klar, dass es darum ging, mich anzuwerben. Als junger Tagesspiegel-Redakteur war ich wahrscheinlich interessant fürs Abschöpfen. Mit der Ankündigung, er werde sich melden, verabschiedete sich Mr. Unbekannt schließlich.

Und tatsächlich. Schon wenige Tage später rief er mich zu Hause an und schlug ein Treffen am Alexanderplatz vor. Einzelheiten machten wir noch nicht aus.

Ich hätte liebend gern erfahren, was er nun wirklich von mir wollte. Doch schon nach dem ersten Treffen bei meinen Verwandten hatte ich die Redaktionsleitung informiert, die in helle Aufregung geriet. Als ich dann auch noch mitteilte, dass der mutmaßliche Anwerber sich tatsächlich nochmals gemeldet hatte, wurde mir der weitere Kontakt untersagt. Trotz aller journalistischer Neugierde meinerseits. Gegen meinen Willen veröffentlichte die Redaktion dann einen Artikel zu dem Vorfall. Meinen Einwand, dann erhielte ich wahrscheinlich keine Besuchserlaubnis mehr für die DDR, wies man mit der Begründung zurück, auch aus Sicht des Tagesspiegels dürfe ich sowieso nicht mehr dorthin fahren.

Nun marschierte ich auch noch zum Staatsschutz, um den Vorgang dort zu melden. Als ich alles geschildert hatte, blickte mich der Beamte an und sagte nur: „Sie wissen, dass Sie sich strafbar gemacht haben?“ Nein, warum denn? Weil ich, nachdem ich erkannt hätte, um was es bei dem Gespräch am Küchentisch gegangen war, dieses hätte sofort abbrechen müssen. Da ich weitergeredet und später auch noch mit dem Unbekannten telefoniert hatte, sei dies als eine unerlaubte Kontaktaufnahme zu einem fremden Nachrichtendienst zu werten. Ups! Man war aber großzügig: Es gab kein Strafverfahren. Allerdings rutschte ich in die Akten des Verfassungsschutzes, wie sich später herausstellte.

Heute gelassen. Klaus Kurpjuweit arbeitet immer noch beim Tagesspiegel. Foto: Kai-Uwe Heinrich TSP
Heute gelassen. Klaus Kurpjuweit arbeitet immer noch beim Tagesspiegel.Foto: Kai-Uwe Heinrich TSP

In den Stasi-Unterlagen fanden sich nach der Wende keine Hinweise auf den Anwerbeversuch. Nur einige Bemerkungen zu meinem Verhalten bei den Grenzkontrollen. Mein nächster Besuchsantrag war 1984 ohne Probleme bewilligt worden. Und auch der Tagesspiegel hatte nichts mehr dagegen, dass ich wieder in die DDR gefahren war. Besuche von irgendwelchen Beauftragten erhielt ich nicht mehr.

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