Berlin : Geschichtsstunde vor vollem Haus

Jörg Friedrich hat mit dem Buch „Der Brand“ eine internationale Kontroverse entfacht – in der Urania fand er nichts als Zustimmung

Bernd Matthies

Jörg Friedrich erspart seinen Zuhörern auch an diesem Abend nichts. Knapp zehn Minuten spricht er frei, im Ton streng, fast gewollt emotionslos, da steht eine ältere Frau auf und verlässt den Saal: „Das halte ich nicht aus." Bis dahin hatte der Historiker das Schicksal Zehntausender Flüchtlinge geschildert, die am Ende des Zweiten Weltkriegs im Swinemünder Stadtpark unter den Bombenteppichen der Alliierten zu Tode kamen. Er hatte im Detail die ausgefeilte Technik vorgestellt, mit der britische Spezialisten 1945 aus der Luft 20000 Pforzheimer, jeden dritten Bewohner der Stadt, töteten, halb so viele Menschen, wie durch die Atombombe auf Nagasaki umkamen. Dieses Thema, der systematische Krieg der Alliierten gegen die deutsche Zivilbevölkerung, ist Friedrichs Spezialgebiet – bereits im vergangenen November fand sein Urania-Vortrag über sein Buch „Der Brand“ starke Beachtung. Diesmal sind noch mehr Zuhörer gekommen, diesmal füllen sie fast den großen Saal des Hauses, zwei Fernsehteams sehen zu. Denn Friedrich ist in diesen acht Wochen bekannt geworden. Er hat eine internationale Kontroverse angestoßen, eine Spiegel-Titelgeschichte ausgelöst - ein großer Erfolg für einen Historiker ohne Professorentitel, der sich eher als Schriftsteller denn als Forscher sieht.

Er selbst hat sich in dieser aufkeimenden Kontroverse mit Bewertungen zurückgehalten, und dabei bleibt er auch an diesem Abend. „Es geht nicht darum, nachträglich Kriegsverbrecher zu ernennen“, sagt er vorsichtig, „wir wollen einfach verstehen, warum das alles passiert ist.“ Jenen Kritikern, die ihm Fehler bei der Wortwahl vorwerfen, die den Angriff auf Swinemünde nicht als „Massaker“ sehen wollen und auch den Begriff „Einsatzgruppe“ für eine britische Bomberstaffel als illegitime Gleichsetzung mit SS-Kommandos empfinden, tritt er offensiv entgegen. „Wenn die Kritik an meinem Buch auf dieser Deutschlehrerebene bleibt“, sagt er, „dann ist das geschenkt, da fühle ich keinen Dissens.“ Von den Begriffen trenne er sich gern, denn die Fakten seien wichtig. Fakten, die hinter den bekannten Bildern der zerbombten Großstädte und den lakonischen Vierzeilern in den Geschichtsbüchern verschwunden sind: Wie Düren, Kleve und Wesel ausradiert wurden, wie Frauen die Überreste ihrer Männer im Eimer zum Friedhof getragen haben, wie logistische Leistungen das Überleben sicherten; „wenn die Bomber über den Rhein flogen, wurden in Hannover Stullen geschmiert“.

Die Attacken auf deutsche Zivilisten hatten System, daran lässt Friedrich keinen Zweifel. Doch er räumt auch ein: Erst nach dem Krieg habe man die Erwartung, eine durch die Bomben demoralisierte Bevölkerung werde die Nazis verjagen, als fatalen Irrtum erkannt. Der Terror, sagt er, habe die Volksgemeinschaft im Gegenteil stabilisiert, das Volk „an den Staat geschmiedet“.

Im Anschluss an den 70-minütigen Vortrag werden Fragen gestellt, Beobachtungen hinzugefügt, durchweg zustimmend, eher unemotional. Für das rechte Lager gibt Friedrichs Buch wenig her, aber auch umgekehrt wirft ihm niemand unzulässige Gleichsetzung von Alliierten und Nazis vor. Und auch die kategorischen Gegner eines Irak-Krieges gehen mit leeren Händen. Nein, sagt der Historiker, es sei für ihn ein entscheidender Unterschied, ob man die Bevölkerung systematisch ausrotte oder den Tod von Zivilisten als Folge von Angriffen mit Präzisionswaffen allenfalls in Kauf nehme. Dass jemand Bagdad ausradiere, könne er sich nicht vorstellen. Andererseits zeige die Geschichte, dass Kriege eskalieren und alle Grenzen überschreiten könnten. Einen Kampf will Friedrich auf jeden Fall geführt sehen: den Kampf für rechtliche Beschränkungen auch im Krieg.

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