Berlin : Gesichtsmuskelkrampf und inflationäres Lasziv-Getue in der Kalkscheune

Norbert Tefelski

Wer es nicht ertragen kann, wenn sein Gegenüber eine Zitrone lutscht, der sollte es auch vermeiden, Evi Niessner beim Singen zuzuschauen. Schlimmstenfalls folgt er dem permanenten Grimassieren bis zum eigenen Gesichtsmuskelkrampf. Weggucken? Sinnlos, denn die kleine Schwerarbeiterin überzieht nicht nur mimisch und gestisch. Mit manieriert verschnörkeltem Gesang und dauerdynamischen Mätzchen verhindert sie den Genuss an einem gefälligen Nightclub-Repertoire, das eigentlich keiner allzeit ungeteilten Aufmerksamkeit bedürfte. Hinter dem inflationären Lasziv-Getue - grad lustig genug für ein, zwei Nümmerchen - offenbart sich Redundanz und substanzlose Eitelkeit. Was komisch sein soll, ist Selbstzweck, der "rote Faden" das herbeigezerrte Haar, an dem der Showtitel hängt: Evi & das Tier (heute sowie vom 22. bis 25.9, jeweils 20.30 Uhr). Das Publikum in der Kalkscheune wird zur Ursuppe erklärt, die Bühne zum Paradies - nichtig-wirre Textpassagen um Apfel und Engel unterbrechen die Jazz-Standards, unter anderem, um Mr. Leu, den baumlangen Mann am Klavier, als Tier zu etablieren. Der schlängelt denn auch dem Thema gemäß um Tasten und Tussi, mal "die Kunst der Verführung", mal den Raubzug eines Reptils demonstrierend. Beider Kapital, der kapitale Größenunterschied, ist rasch verbraucht. Dem bravgesichtigen Pianör ist nur schwör das Böse abzukaufen, aber immer wenn Evi zum Kostümwechsel verschwindet, liefert er die besten Momente. Bei ihm nutzt es, die Augen zu schließen: Mit Feeling in den Fingern und echtem Swing in der Stimme verschafft er den Lauschern kurze Erholung - bis sich "La Niessner" zur nächsten zwanghaften Demonstration ihrer Gesangsausbildung auf die Bühne schraubt.

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