Berlin : Gesundheitswesen: Kommentar: Zu Risiken fragen Sie Ihre Krankenkasse

Christoph Stollowsky

Vielleicht ist es in Berlin nur noch eine Frage der Zeit, bis auf einem Grabstein steht: "Leider zahlte die Kasse die Medikamente nicht." Das mag zynisch klingen, entspricht aber der Wirklichkeit. Denn einige große Krankenkassen wollen überraschend Arzneimittel nicht mehr bezahlen, die schwerkranke Patienten nach Überzeugung ihrer Ärzte dringend brauchen. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam diese Entscheidung über die Betroffenen, schließlich wurden die Präparate in vielen Fällen zuvor jahrelang anstandslos abgerechnet und erfolgreich in Praxen und Kliniken eingesetzt.

Doch nun entdecken die Kassen plötzlich ihre Fürsorgepflicht, empören sich über die fehlenden Zulassungen, und BKK-Vorstand Jochem Schulz stellt sich wie ein Bodyguard vor seine Versicherten. Man dürfe sie nicht "als Versuchskaninchen" missbrauchen, erklärt er. Eine merkwürdig späte Erkenntnis, die eher von Scheinheiligkeit geprägt ist und dem Streben nach geringeren Ausgaben entspricht.

Tatsächlich sparen die Kassen eine Menge Geld, falls sie die weitere Kostenübernahme von umfangreichen Zulassungstests abhängig machen - denn solche wissenschaftlichen Studien dauern jahrelang. Doch sie sparen dabei möglicherweise den einen oder anderen ihrer Versicherten zu Tode. Angesichts der breiten Erfahrungen mit den umstrittenen Präparaten wirken ihre Sorgen so ähnlich, als zweifelten sie, ob ein Reifen rollt.

Nun sind die Kassen nicht zu beneiden, sie müssen in der Tat ihre Ausgaben kappen, was das Zeug hält. Und zweifellos werden bei Arzneimittelverordnungen noch immer große Summen verschleudert. Doch auch in einer solchen Situation sollte man nicht mit der Keule, sondern mit dem Skalpell die Malaise bekämpfen. Wer über das Ziel hinausschießt, erzeugt unerwünsche Nebenwirkungen. Dazu gehört auch ein fataler Imageschaden für die Kassen selbst und für das Berliner Gesundheitswesen.

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