Gewalt an Schule in Neukölln : Junge nach "Geburtstagsschlägen" krank geschrieben

Ein Neuköllner Junge wurde von Mitschülern an seinem Geburtstag dermaßen traktiert, dass er ambulant behandelt werden musste. Ein Kriminologe nennt Neid als Beweggrund für das Ritual, das nun auch die Polizei beschäftigt.

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Faustrecht. An manchen Schulen ist es üblich geworden, Geburtstagskinder zu schlagen.
Faustrecht. An manchen Schulen ist es üblich geworden, Geburtstagskinder zu schlagen.Foto: dpa

Statt Glückwünschen und Geschenken gab es Prellungen an Gesicht und Armen: Ein Neuköllner Schüler ist an seinem Geburtstag dermaßen von Mitschülern verprügelt worden, dass er ambulant behandelt werden musste. Der Fall, der sich vor etwa zwei Wochen ereignete, wirft ein Schlaglicht auf das Phänomen „Geburtstagsschläge“, das zwar bundesweit verbreitet ist, aber nur selten an die Öffentlichkeit gerät. Auch Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) reagierte überrascht und entsetzt, als sie von dem Vorfall und dem dahinter stehenden Ritual erfuhr.

„Schulaufsicht und Bezirksschülerausschuss haben mir bestätigt, dass es das Phänomen gibt. Aber meistens besteht es nur aus einem leichten Schlag auf die Schulter“, berichtete Giffey auf Anfrage. Sie hatte von der RBB-„Abendschau“ von dem Fall erfahren und auch davon, dass die leichten Schläge in dem konkreten Fall vor zwei Wochen „ausgeartet“ waren. Mit Rücksicht auf den Sekundarschüler und auf Wunsch seiner Familie möchte sie nicht, dass die Schule oder das Alter des Jungen bekannt werden.

Langjährige Erfahrungen mit den „Geburtstagsschlägen“ hat der Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer. Als er 2002 noch Justizminister in Hannover war, hatten in einer Schule in Stadthagen jugendliche Schläger ihre Mitschüler immer wieder zum Geburtstag systematisch tyrannisiert. Pfeiffers Institut hat das Ritual inzwischen untersucht und als Beweggrund Neid festgestellt. „Aus Neid und Ärger entwickelt sich der Wunsch, den anderen klein zu kriegen“, erläutert der Kriminologe. Meist bleibe es beim Mobbing, seltener komme Prügel hinzu. Mitunter würden die Geburtstagsschläge zum „Teil der Schulkultur“ wie damals in Stadthagen.

Eine Rolle könne dabei laut Pfeiffer spielen, dass es in muslimischen Familien nicht Tradition sei, den Geburtstag so ausgiebig und mit vielen Geschenken zu feiern, wie das in Deutschland sonst üblich sei. Wenn dann einzelne Mitschüler zum Geburtstag neue Smartphones oder Computer bekämen, könnten sich jene muslimischen Kinder provoziert fühlen, die nichts erhielten. Diesen Erklärungsversuch bestätigte ein Berliner Schülervertreter aus seiner eigenen Erfahrung, der damit aber nicht namentlich in Verbindung gebracht werden wollte.

In den bürgerlichen Gegenden Berlins ist das Ritual weitgehend unbekannt. Auch Landeselternsprecher Günter Peiritsch aus Charlottenburg und Landesschülersprecherin Beatrice Knörich, die ein Gymnasium in Treptow-Köpenick besucht, haben davon bisher nichts gehört, wie sie sagten. Allerdings sagte der 17-jährige Nikolai Lehre vom Neuköllner Bezirksschülerausschuss, ihm sei das Thema schon seit seiner Kreuzberger Grundschulzeit bekannt. Allerdings sei es damals nur um Schulterklopfer gegangen und nicht um Schläge. Auch er zeigte sich angesichts des aktuellen Falls „überrascht, dass es so weit gekommen ist“. Ähnliches habe er nie gehört.

„An verschiedenen Berliner Schulen sind Geburtstagsschläge bekannt“, bestätigte hingegen die Polizei auf Anfrage. Es gebe „öfter mal eine Anzeige wegen Körperverletzung“. Genaue Zahlen konnte die Polizei aber nicht nennen, da das Phänomen nicht separat erfasst wird. Auf jeden Fall würden „die Präventionsbeauftragten das Stichwort kennen und dann in die betroffenen Schulen gehen“, sagte ein Polizeisprecher. Es gebe dazu dann Präventionsveranstaltungen.

Ob das jüngste Prügelopfer an seiner Schule bleiben will, konnte Bildungsstadträtin Franziska Giffey am Donnerstag nicht sagen.

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