Gewalt in der Familie : Prügeln mit gutem Gewissen

Schlagenden Vätern fehlt oft das Unrechtsempfinden. Von plakativen Aktionen halten Praktiker aber wenig, stattdessen setzen sie auf Aufklärung in Gesprächskreisen.

Sandra Dassler
Jugendgewalt
Brandenburg: Schülerworkshop gegen Gewalt. -Foto: ddp

Der 16-Jährige sagte nichts, schaute nur ängstlich zu seinem Vater, den die Polizisten zur Befragung dazugebeten hatten. Als ein Beamter den Vater nach draußen schickte, begann der Junge, der mehrfach Mitschüler bedroht und ihnen Geld entwendet hatte, zu schluchzen. Dann hob er seinen Pullover und zeigte die blauen Flecken und Striemen am Oberkörper.

So etwas sei eher die Ausnahme, sagt Andreas Wolter: „Die meisten verschweigen, dass sie geschlagen werden: aus Scham, um die Familie zu schützen oder um nicht als Weichei zu gelten. Wir merken aber an vielen Reaktionen, dass Prügel in den Familien keine Seltenheit sind.“

Wolter leitet das Intensivtäterkommissariat in Kreuzberg und Neukölln. Er betreut 180 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren. 70 bis 80 Prozent von ihnen kommen aus Migrantenfamilien. Gewalt sei dort normal, sagt Wolter: „Selbst im Beisein der Polizei werden Mütter beleidigt oder geschubst. Natürlich prügeln auch deutsche Väter. Aber die wissen, dass sie Unrecht tun. In Familien mit patriarchalischen Strukturen ist das nicht so.“

„Wer gelernt hat, dass man Konflikte ,erfolgreich‘ mit körperlicher Gewalt austragen kann, der setzt auch selbst schneller auf Gewalt“, sagt der Erziehungswissenschaftler Ali Ucar: „Aber der Vorschlag, türkischen oder arabischen Vätern jetzt das Prügeln mit Plakatkampagnen in der U-Bahn abzugewöhnen, greift zu kurz. Das ist Herumdoktern an Symptomen, keine Bekämpfung der Ursachen.“

Die Ursachen liegen im sozialen Bereich, sagt Ucar. Migrantenfamilien seien überdurchschnittlich von Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnder Bildung betroffen. Viele lebten in ghettoähnlichen Nachbarschaften, hätten kaum Kontakt mit Deutschen. Hinzu käme der Wechsel von einem Kulturkreis in den anderen mit teils gegensätzlichen Wertvorstellungen.

„Die jungen Leute erleben zu Hause die traditionelle Welt mit äußerst rigiden Normen und draußen, auf der Straße und in der Schule, die westliche Freiheit“, sagt Kommissar Wolter. Das verschärfe die normalen pubertären Probleme. Eltern seien damit oft überfordert: „Die Beamten treffen, wenn sie in die Familien junger Täter gehen, auf zwei Grundmuster. Die einen streiten alles ab: ,Unser Sohn macht das nicht.‘ Die anderen geben zu, dass sie alles versucht haben, aber hilflos sind.“

Deshalb müssten Ämter, Schulen, Kitas, Eltern- und Migrantenvereine viel früher Hilfen für die Eltern anbieten, fordert Wolter – nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen, sprich: in kriminelle Strukturen und Drogensucht, gefallen ist. Thomas Weylandt, Leiter der Jugendgerichtshilfe Neukölln, sieht das ähnlich: „Wir reden erst mit den Familien, wenn es Probleme gibt. Und selbst dafür brauchen wir dringend mehr arabisch- und türkischstämmige Mitarbeiter, die Eltern begreiflich machen, dass es um Hilfe, nicht um Strafe geht. Bei unserer personellen Situation sind wir damit hoffnungslos überfordert.“

Neuköllns Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold klagt: „Wir können nur hinter Problemfällen herrennen, müssten aber eigentlich von den Kitas an alle Eltern einbeziehen.“ Man kenne die Mechanismen, sagt die grüne Stadträtin: Kinder, die bei Schulbeginn nicht gut Deutsch sprächen, bekämen Probleme. Schulversagen führe oft zum Schwänzen, und von da sei es nur noch ein kurzer Weg zu Drogen oder Waffen. Es sei daher absurd, dass sich Bund und Länder nicht entschließen könnten, Geld zu investieren, um mehr Sozialarbeiter einzustellen, mehr Pädagogen mit Migrationshintergrund auszubilden und Projekte für Migrantenmütter, -väter und -kinder flächendeckend anzubieten. „Das wird zwar teuer“, sagt Vonnekold: „Aber ein Platz in der Jugendhaft kostet auch 250 Euro. Am Tag! Damit könnte man in der Prävention viel mehr erreichen.“

Kazim Erdogan stimmt dem vorbehaltlos zu. Der 54-Jährige betreut in Neukölln mehr als 20 Projekte für türkisch- und arabischstämmige Eltern. Bei Informationsveranstaltungen in Kitas und Schulen beantworten Referenten Fragen wie „Wo bekomme ich Hilfe? Welche Rechte habe ich? Wie soll ich Kindern Grenzen setzen?“ in der Sprache der Migranten. Seit einem Jahr leitet Erdogan auch eine Vätergruppe. „Wir reden über Gewalt, Erziehung, Eheprobleme“, erzählt er. Einige Männer seien so weit, dass sie selbst wieder Gruppen gründen könnten.

Heidemarie Arnhold, Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung, hat ähnliche Erfahrungen mit Vätergruppen gemacht. „Wir arbeiten schon lange mit türkischen Elternvereinen zusammen, seit kurzem auch mit der arabischen Elternunion. Zu uns kommen sehr viele Migranten mit Fragen, der Bedarf ist riesig.“ Von Kampagnen, bei denen Deutsche den Migranten mit erhobenem Zeigefinger erklären würden, dass man nicht prügeln darf, hält Arnhold nichts. „Das hat schon in Deutschland nicht geklappt, als wir nach Kriegsende unsere Elternbriefe zunächst aus Amerika übernommen haben“, sagt sie. Aufklärung könne nur mit und durch die Migranten funktionieren. „Hätten wir die finanziellen Mittel, würden wir sofort unsere Elternbriefe für arabische Familien bearbeiten und herausgeben.“

Türken bekommen die Elternbriefe schon lange in ihrer Sprache kostenlos zugeschickt. Giyasettin Sayan, migrationspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, findet das nach wie vor wichtig . Viele Einwanderer, erzählt er, kämen aus einer Kultur, wo die Prügelstrafe zwar auch gesetzlich verboten sei, man sich aber eher an das Sprichwort „Eti senin, kemigi benim“ halten würde: „Das Fleisch ist deins, die Knochen gehören mir.“ Damit wird väterliche Gewalt auf den Lehrer übertragen. Einschließlich des Rechts, die Kinder zu verprügeln.

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