Berlin : Gewalt in der Zeitung

Tagesspiegel-Chefredakteur diskutierte mit Schülern der Lise-Meitner-Schule in Rudow

Annette Kögel

Meinungsfreiheit kann überall scheitern. „Mein Schulweg ist der Horror“, hatte ein Schüler der Lise-Meitner-Schule in Rudow zur Vorbereitung des Projekttages gegen Gewalt aufgeschrieben. Den Aushang an einer Infostellwand riss ein Mitschüler ab – so was wolle er nicht lesen, das werfe ein schlechtes Licht auf die Schule. Wie offen sollen Schulen und Medien solche Probleme diskutieren? Welche Rolle spielen Tageszeitungen bei der Debatte über Gewalt, Werte und Integration?

Um Fragen wie diese ging es bei der Schülerdiskussion mit Lorenz Maroldt, einem der beiden Tagesspiegel-Chefredakteure, am Projekttag „Gewalt-(Prävention)“ im naturwissenschaftlichen Oberstufenzentrum mit beruflichem Gymnasium. Gestern waren auf Initiative von Lehrer Heribert Ickerott auch Richter, Polizisten, Filmemacher, Psychologen, Schaupieler und Helmut Hochschild, der frühere Leiter der Rütli-Schule, zu Gast.

Ob nicht die Medien durch die vielen Berichte über Gewalttaten Mitschuld daran hätten, dass die Hemmschwelle bei Jugendlichen sinke, fragte Gymnasiast Jens. „Dafür lasse ich mich nicht verhaften“, entgegnete Lorenz Maroldt. Er erklärte, dass es natürlich Aufgabe einer Tageszeitung sei, die Geschehnisse abzubilden – und die Herkunft eines Täters zu benennen, wenn sie in Zusammenhang mit der Tat stehe. So prägten oftmals Negativschlagzeilen die Medien. Der Tagesspiegel berichte aber auch regelmäßig über positive Tendenzen und mutmachende Entwicklungen, sagte der Chefredakteur – doch habe er den Eindruck, „dass die Leser diese Artikel nicht so wahrnehmen wie Berichte über spektakuläre Fälle“.

Einmalig sei indes die Resonanz bei der Leserschaft gewesen, als der Leiter des Berlin-Ressorts, Gerd Nowakowski, in der Glosse „Von Tag zu Tag“ schilderte, wie er Jugendliche im BVG-Bus vergebens bat, die Füße von den Sitzen zu nehmen. Maroldt: „Da hat Nowakowski ein Ventil aufgemacht.“ Die vielen E-Mail-Zuschriften zeigten, dass sich viele Menschen in solchen Situationen ähnlich hilflos fühlten und nicht wüssten, wie sie sich bei Pöbeleien verhalten sollten. „Aber ist es dann verantwortlich, einen Leserbrief abzudrucken, in dem ein Mann angibt, er wähle nun konsequent national?“, fragte Emese Domahidi, die mit anderen Publizistikstudenten der FU den Projekttag verfolgte. Der Chefredakteur erklärte auch das: „Damit wollten wir doch gerade zeigen: Hallo, Politik – hier tut sich ein Problem auf! Wenn weiter Probleme bei der Integration verschwiegen werden, gewinnen rechte Parteien noch mehr hinzu.“

Ob die Presse bei der gesellschaftlichen Verrohung nicht mit regelrechten Kampagnen gegensteuern müsse, fragte Berufsschülerin Sabine Weber. Nein, das sei nicht die Aufgabe unabhängiger Medien, so Maroldt. Bei der Berichterstattung über den Dobli-Spiegel oder anlässlich sozialer Spendenaktionen gehe das, nicht aber bei diesem Thema. Der Tagesspiegel habe aber durch die breite Berichterstattung die öffentliche Debatte angestoßen.

„Den Respekt, den die Gesellschaft Jugendlichen mit Migrationshintergrund verweigert, verweigern jene auch der Gesellschaft“, sagte Maroldt. Das Blatt werde auch künftig soziale Hintergründe von Taten beleuchten. Auch Schüler Kevin Menge sprach sich gegen die Stigmatisierung bestimmter Jugendlicher aus: „Ich kenne Leute aus dem Ghetto, die einen Doktortitel gemacht haben, und Jugendliche aus Zehlendorf, die voll aggro sind.“

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