Gewaltexzesse : Polizeischutz für die Rütli-Schule

Der dramatische Hilferuf der Neuköllner Rütli-Hauptschule wird zum Politikum. GEW und CDU werfen dem Senat und Bildungssenator Böger Versagen in der Schulpolitik vor.

Berlin - Die Lehrer der Rütli-Hauptschule in Neukölln hatten sich mit einem dramatischen Brief an die Senatsverwaltung gewandt. Darin heißt es, dass an der Schule kein geordneter Unterricht mehr stattfinden könne. Die Stimmung sei geprägt von Zerstörung, Gewalt und menschenverachtendem Verhalten. Lehrer würden völlig ignoriert und zum Teil attackiert, in bestimmte Klassen gingen sie nur noch mit Handys, um Hilfe holen zu können.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) übte scharfe Kritik an Bildungssenator Klaus Böger (SPD). Der Brief des Kollegiums bedeute kein Versagen der Lehrerinnen und Lehrer, sondern zeige das Versagen der Integrations- und der Bildungspolitik in der Stadt, erklärte die GEW-Vorsitzende Berlins, Rose-Marie Seggelke. "Die Probleme wurden vor sich hergeschoben; niemand soll sich wundern, wenn sie jetzt an einem Brennpunkt auf so spektakuläre Weise explodieren."

Der GEW-Fachgruppenleiter für Hauptschulen in Berlin, Norbert Grundacker, forderte langfristig die Abschaffung aller Hauptschulen. "Das sind die Schulen der Gescheiterten", sagte er. Da helfe es nicht, "nur ein bisschen herumzuflicken."

Die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus warf dem rot-roten Senat und insbesondere Böger "komplettes Versagen" in der Schulpolitik vor. "Der Senat und die Schulaufsicht haben es versäumt, rechtzeitig und langfristig auf Hilferufe von betroffenen Schulen zu reagieren", sagte Fraktionschef Nicolas Zimmer.

Zimmer sagte: "Der Hilferuf der Rütli-Schule ist nur die Spitze des Eisberges. Gewalt, Ausgrenzung und Terror gegen Lehrer und Mitschüler gehören seit Jahren zum Alltag an vielen Berliner Schulen und machen eines deutlich: Das Berliner Schulsystem befindet sich in einer schweren Krise."

Böger lehnte unterdessen die Schließung der Rütli-Schule ab. "Kein Schüler und kein Schulstandort" Berlins dürften aufgegeben werden, sagte Bildungssenator Klaus Böger (SPD). Zugleich wies er Darstellungen zurück, wonach das Lehrerkollegium der Schule die Auflösung der Einrichtung gefordert habe. Vielmehr hätten sich die Pädagogen in einem Hilferuf an die Senatsverwaltung für die Umstrukturierung der Hauptschule in "einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung" stark gemacht. In dem Schreiben der Lehrer an die Senatsverwaltung heißt es: "Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zu Gunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung."

Polizeikontrolle am Schuleingang

Böger kündigte an, dass der betroffenen Schule als Soforthilfemaßnahme eine Polizeikontrolle am Eingang sowie zwei arabisch und türkisch sprechende Sozialpädagogen zur Verfügung gestellt werden. An der Hauptschule in dem als Sozialbrennpunkt geltenden Stadtteil Neukölln sind den Angaben zufolge weniger als 20 Prozent der Schüler deutscher Herkunft.

An der Rütli-Schule war die Stimmung am Donnerstag aufgeladen: Einige Schüler warfen Pflastersteinen über den Gebäudezaun - offensichtlich, um sich vor den dort versammelten Medienvertretern zu brüsten. (tso/ddp/dpa)

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