Gewissen des Geldes : Reichen-Demo für Reichen-Steuer

Reiche demonstrieren im Regierungsviertel, damit sie etwas von ihrem Vermögen abgeben dürfen. Schwarz-Gelb verhandelt gleich gegenüber – unbeeindruckt.

Deike Diening
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Methode der Mittellosen. Dieter Lehmkuhl (mit rotem Schal in der Mitte) und seine wohlhabenden Mitstreiter werfen Spielgeld in das...

Nur Blondinen dürfen Blondinenwitze reißen. Und so dürfen vermutlich auch nur Reiche von Reichen etwas fordern, ohne sofort in Neidverdacht zu geraten.

Tiergarten, sechs Grad Celsius, das Haar unter einer Schiebermütze. Dieter Lehmkuhl hat sich mit sechs anderen wohlhabenden Menschen der Initiative „Vermögende für eine Vermögensabgabe“ in der Hiroshimastraße postiert, schräg gegenüber verhandelt die Koalition Schwarz-Gelb, die entgegen aller Vernunft wohl nicht daran denken wird, dieses Thema auf ihre Agenda zu setzen.

Lehmkuhl hat nachgerechnet: Wenn 2,2 Millionen Deutsche, die mehr als 500 000 Euro besitzen, zwei Jahre lang eine fünfprozentige Abgabe ihres Vermögens bezahlten, könnte man die Haushaltslöcher mit 100 Milliarden Euro stopfen und dringend nötige Investitionen tätigen. 100 Milliarden Euro haben sie als Spielgeld in Lastenfahrrädern herangekarrt, auf denen „Umwelt“, „Soziales“ und „Bildung“ steht. Bei „drei“ greifen sie in die Scheine und werfen sie in ein virtuelles Haushaltsloch.

Reiche Menschen demonstrieren in der Kälte mit den Mitteln der Mittellosen, um in Zukunft etwas von ihrem Vermögen abgeben zu dürfen? „Bitte etwas höher werfen“, sagt ein Fotograf. Sie machen auch das.

Zwei Tage zuvor sitzt Dieter Lehmkuhl, Ideengeber der Initiative, im Norden Berlins in seinem gemütlichen Ambiente, seine Charaktereigenschaften stärker als sein Geld. Sein Erbe, Aktien einer Dortmunder Brauerei, trat er mit über 50 an, da war er als Mensch nicht mehr korrumpierbar. Er war Arzt und Psychotherapeut und Vater. Er konnte für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen. Er hatte Überzeugungen und Interessen, die sich nicht einfach in Luft auflösten, nur, weil er jetzt mehr besaß. Er war geprägt durch die 68er, er hatte jetzt Geld bei der Bank, aber er hatte es auch auf dem Gewissen. Womit hatte er das verdient?

Und weil Lehmkuhl nicht der Einzige war, in dessen Leben sich das Gefühl des Unverdienten ausbreitete wie das ererbteVermögen, gründete er mit 20 Mitstreitern die „Initiative Vermögende für eine Vermögensabgabe“. Er ist ein überlegter Mensch, er ärgert sich über die Zwangsläufigkeit, mit der alle glauben, dass, wer Geld hat, noch mehr davon will. Als wachse die Gier, wo Geld schon ist. Das ist eigentlich eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen. Welch stumpfe Einfalt behauptet, Konsumwünsche würden mit dem Vermögen wachsen? Als setze da etwas aus beim Eintreffen des Geldes.

Lehmkuhl, seit er dieses Vermögen hat, liest: über Einkommensverteilung, Steuerlast, Vermögenszuwächse. Über das amerikanische Fair-Tax-Network, über „Social Business“, wo Gewinnmaximierung als Unternehmensziel verboten ist und soziale Ziele den Erfolg bestimmen. Er träumt von einem deutschen Äquivalent der amerikanischen Organisation UFA, „United for a Fair Economy“, wo 700 „Responsible Rich“ organisiert sind. Beim Zeitunglesen macht er Notizen. Er hat sich munitioniert mit Zahlen, die beweisen, dass in Deutschland eine erhebliche Umverteilung von unten nach oben stattgefunden hat, und dass Reiche hier erstaunlich wenig teilen müssen. Lehmkuhl hat sich gewundert, dass so wenige von diesen Zahlen bekannt sind, und inzwischen glaubt er, dass dieses Thema absichtlich verschleiert wird. „Ich bin zutiefst überzeugt, dass Reichtum und Armut zusammenhängen,“ sagt Lehmkuhl. Die Gewinne mit den Entlassungen. Die gestiegene Zahl der Millionäre mit der Zahl prekär Beschäftigter.

„Leistung wird sich nicht mehr lohnen,“ sagen die Kritiker einer Abgabe auf Vermögen. „Das spottet den Erben Hohn“, sagt Lehmkuhl. Denn für ihr Geld haben sie ja eben nichts geleistet. Seit 2000, sagt Lehmkuhl, haben sich die Einkünfte aus seinem Vermögen etwa verdoppelt, zugleich habe sich die Steuerlast halbiert. Er sieht, dass viel Liquidität in Spekulation geflossen ist, dass anderswo dringend Geld benötigt wird, für Bildung, für soziale Ausgaben, für den Klimaschutz. „Wir haben ein sehr schmales Zeitfenster, um zu handeln.“ Deshalb brauche man diese Investitionen jetzt.

Lehmkuhl, dessen Freunde auch seine sparsame Seite kennen, isst gerne gut, aber nie teuer und niemals kreativ garniert. Das findet er pseudo. Der Freund von Substanz, kulinarisch wie gedanklich, spricht über den Mut, den es brauchte, mit seiner Initiative die Diskretion des Reichtums zu verlassen. Sich zu „outen“, das Tabu zu brechen, denn in seinem Umfeld veränderten sich die Beziehungen. Seit er einmal im Fernsehen war, standen Bittsteller vor seiner Tür. Lehmkuhl hat seine Adresse aus dem Internet entfernt. In der Kneipe sagte jemand: Sie sind doch reich!

Kann denn Reichtum Sünde sein? Nein, wohl eher eine Verpflichtung. Dieter Lehmkuhl erfüllt eigentlich nur einen Verfassungsauftrag, der besagt, dass Vermögen auch zum Wohl der Allgemeinheit einzusetzen ist.

Im März kam er bei einer Tagung der „Bewegungsstiftung“, die er unterstützt, auf die Idee, eine Anzeige zu schalten mit der Forderung, die Reichen stärker zu besteuern. Sie erschien im Mai in der „Zeit“. Ein Kuriosum. Blondinen, die Blondinenwitze erzählten. Die Perspektive war völlig neu, und wenn man drüber nachdachte, war es die einzig mögliche Art für eine Forderung wie diese. Wer sonst sollte von Reichen so etwas fordern dürfen? Mit welcher Berechtigung? Die Moral der vom Erbe „Betroffenen“ selbst war der Gradmesser. Obwohl Lehmkuhl nicht von Moral, sondern eher von einem Gerechtigkeitsempfinden sprechen würde. „Vielleicht weiß man nicht, was gerecht ist, aber wir wissen, was ungerecht ist.“ Die wachsende Lücke zwischen Arm und Reich gehört dazu. Solle es irgendwann nur noch Parallelgesellschaften geben, in denen Sozialkaufhäuser boomen und Reiche in Ghettos leben? „Das kann nicht im Sinne des Gemeinwohls sein.“

Viele, die sich in der Initiative engagieren, haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, das sich sogar auswachsen kann zu einem schlechten Gewissen wegen unverdienter Liquidität. Einer hat sich als Fließbandarbeiter verdingt und sich jahrelang in Betriebsräten verkämpft. Viele bestehen darauf, dass sie nicht von ihrem Erbe, sondern von ihrem Beruf leben.

Warum sie ihr Geld nicht einfach spenden, werden sie oft gefragt. Es könne ja kein Problem sein, Geld loszuwerden. Doch sie wollen strukturell eine gerechtere Gesellschaft erreichen. Von den 2,2 Millionen der für die Abgabe infrage kommenden Menschen sind inzwischen 45 bei ihnen organisiert. Sieben stehen hier in der Hiroshimastraße. „Wegen der Aufmerksamkeit“, sagt Lehmkuhl. Bei „drei“ werfen sie das Spielgeld ins Loch.

Informationen im Internet unter

www.appell-vermoegensabgabe.de

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