Berlin : Gipfelstürmer auf dem Schuldenberg

Der Filmemacher Gerd Conradt hat Berlins Haushaltsdefizit erkundet und daraus einen Kinofilm gemacht

Lars von Törne

Eispickel und Filzhut, Edelweiß-Anstecker und feste Wanderschuhe – fertig ist das Outfit für den Bergbezwinger. So ausstaffiert, hat sich der Berliner Filmemacher Gerd Conradt auf eine Höhenexpedition der anderen Art begeben: Er ist dem Berliner Schuldenberg zu Leibe gerückt. Das Ergebnis seiner Expedition hat er in „Monte Klamotte“ zusammengefasst, einem persönlichen, assoziativen Kunstfilm mit dokumentarischen Elementen, der in Kürze ins Kino kommt und im Dezember im RBB-Fernsehen gezeigt wird.

Conradt, der zuletzt mit dem Dokumentarfilm „Starbuck – Holger Meins“ über die Rote Armee Fraktion Erfolg hatte, verbindet in „Monte Klamotte“ analytische Elemente zur Berliner Haushaltsmisere mit Gedankenspielen über die Berliner Identität und einer Liebeserklärung an die Stadt. Er spürt der symbolischen Rolle bedeutender Bauwerke wie des Flughafens Tempelhof, des Holocaust- Mahnmals, des Orwo-Hauses, des Steglitzer Kreisels oder des Palasts der Republik nach und fragt, was der Umgang mit ihnen über den Zustand der Stadt aussagt und was diese Orte mit dem Schuldenberg verbindet. Nebenbei besteigt der Filmemacher auch ein paar echte Berge im österreichischen Zillertal, um von der dort befindlichen „Berliner Hütte“ aus über den Schuldenberg der Hauptstadt und dessen Bedeutung zu sinnieren.

Wie er sich zur Hauptfigur der eigenen Dokumentation macht und stellvertretend für den Zuschauer auch vor naiven oder abseitigen Fragen nicht zurückschreckt, erinnert Conradt ein wenig an seinen US-Kollegen Michael Moore. Auch die ungebremste Lust am Assoziieren und Kombinieren scheinbar nicht zusammengehörender Themen und Thesen erinnert an Werke wie „Bowling for Columbine“. Während der Polit-Missionar Moore jedoch eine schlichte, aber immerhin klare Botschaft hat, lässt Conradt seine Zuschauer mit vielen Fragen und Anregungen, aber ohne klare Antworten etwas ratlos zurück. Nach knapp 90 Filmminuten hat man zwar viele hübsche Gedankenspiele und Bilder zum Themenkreis Berg–Schulden–Berlin gesehen. Eine klare Analyse, wie Berlins Misere entstanden ist, und vor allem, wie sie zu lösen wäre, bietet Conradt aber nicht.

Stattdessen präsentiert der 64-jährige Wahlberliner ein subjektives Essay, das seine eigene Ohnmacht angesichts des milliardenschweren Defizits und der daraus resultierenden Sparzwänge ausdrückt. Manche der interviewten Polit-Aktivisten oder Unternehmer erscheinen ebenfalls etwas ratlos, wie die Berliner Krise zu lösen sei. Rätselhaft und willkürlich wirken auch Gespräche mit Künstlern wie Frank Castorf über den widersprüchlichen Charakter des Palasts der Republik oder Plaudereien mit amerikanischen Juden am Holocaust-Mahnmal über die deutsche Schuld, die Conradt dann in irritierender Weise mit Berlins Schuldenberg in Beziehung setzt. Erhellend und gelegentlich auch unterhaltsam sind hingegen Interview-Einsprengsel mit klugen Köpfen wie dem Wissenschaftler Dieter Vesper oder dem Musik-Manager Tim Renner.

Ein wenig geht es einem bei dem Film wie bei einer echten Bergbesteigung: An manchen Stellen ermöglichen Höhe und Distanz eine Weitsicht, wie man sie drunten am Boden nie hätte; an anderen Stellen sieht man auf dem Weg zum Gipfel vor lauter Wolken und Nebel nicht einmal die eigene Hand vor Augen.

„Monte Klamotte – Ein Heimatfilm von Gerd Conradt“, Premiere am 17. November, 20 Uhr, im Kino Hackesche Höfe (mit Gästen und Musik). Weitere Vorführungen u.a.: 19.11., 19.30 Uhr, Kino Lichtblick, Kastanienallee 77, Prenzlauer Berg, 20.11., 11 Uhr, Kant-Kino, Kantstraße 54, Charlottenburg (mit Brunch und Musik der Band Polkaholix, die den Soundtrack beigesteuert hat), weitere Vorführungen u.a. in den Kinos Lichtblick, Kiste (Hellersdorf), Nickelodeon. RBB-Fernsehausstrahlung: 6.Dezember, 22.45 Uhr. Mehr im Internet unter www.monte-klamotte.de

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