Berlin : Gisela Keller-Dierkes (Geb. 1941)

„Immer sprechen mich diese jungen Männer um die 30 an“

André Ohren

Groß und schlank, mit riesengroßen Hüten, Pelzkappen, antiquierten Blusen, goldenen Hosen oder silbernen Hotpants und immer mit dem Windhund Baja an ihrer Seite, so stolzierte sie durch ihren Kiez am Südstern.

Die Gräfin. So nannte man sie, weil sie so aussah – und weil sie sich selber so genannt hatte: „Gräfin Giselle von Trausnitz“ steht auf einer Visitenkarte von ihr. „Immer sprechen mich diese jungen Männer um die 30 an“, erzählte sie kokett Angelina, die in der Gneisenaustraße ein Antiquariat betreibt.

Ihren richtigen Namen erfahren die Nachbarn nach ihrem Tod von der Polizei: Gisela Keller-Dierkes. Sie war mal Fremdsprachensekretärin und arbeitete ein paar Jahre an der FU. Seit Mitte der Siebziger lebte sie mit dem Künstler Volker Dierkes im Kreuzberger Gräfekiez.

Mitte der Achtziger zogen die beiden nach Tarragona in Nordspanien. Volker Dierkes sagt, dass die Idee, um jeden Preis aufzufallen, in Spanien in ihr reifte: „Weil sie sich in den Künstlerkreisen, in denen wir uns bewegten, nicht für voll genommen fühlte.“ Die Strandpromenade von Tarragona wurde ihr erster Laufsteg. Mitte der Neunziger trennte sich das Paar, und die Gräfin, wohnte fortan alleine in Berlin. Ihre Haare waren nun nicht mehr blond, sondern schwarz, erinnert sich ihre ehemalige Friseurin.

In den folgenden Jahren wurde das Schaulaufen mit Baja, dem Rassehund, zu ihrer Hauptbeschäftigung. Wenn ihr die Bühne in Kreuzberg nicht mehr reichte, dann lief sie über den Kurfürstendamm. Und fiel auch dort mit ihren Stolen, den schwarz schillernden, paillettenbehafteten Umhängen, den Stöckelschuhen auf. Im Haar, das sie bei Bedarf mit Perücken und Haarteilen aufstockte, trug sie gern ein Diadem. Mehrmals am Tag wechselte sie die Garderobe und wedelte sich im Sommer gern mit einem großen spanischen Fächer Luft zu.

Der Umgang mit ihr war nicht einfach. Einen Nachbarn soll sie wegen zehn Euro vors Gericht gebracht haben. „Einmal plauderte sie aufgeweckt und endlos mit einem, am nächsten Tag ging sie grußlos vorbei. Bloß keinen an sich ranlassen“, so beschreibt sie Angelina vom Antiquariat.

Mit den Punks vom Plattenladen hat sie sich mal angelegt: Baja setzte plötzlich einem anderen Hund nach, der jemandem vom Laden gehörte. Die Gräfin fiel zu Boden und schrie und jammerte, sie habe sich etwas gebrochen. Wer ihr helfen wollte, bekam ein schrilles „Fassen sie mich nicht an“ zu hören. Sie sprach Verwünschungen aus und gab wirre Geschichten aus ihrem Leben preis: dass sie Schauspielerin gewesen sei, dass sie von Männern ins Unglück getrieben worden sei. Auf Männer war sie allgemein nicht gut zu sprechen.

Als sie mal mit anderen Hundebesitzerinnen zum Hundegeburtstag mit Hundetorte zur Hundebadestelle am Grunewaldsee rausfuhr, gab es auch Ärger. Auf einmal, viel früher als die anderen, wollte sie zurück. Keine Diskussion. Jemand brachte sie dann samt Baja mit dem Auto zur S-Bahn.

Wurde sie fotografiert, setzte sie sich gern in Pose. In dem Dokumentarfilm „Hasenheide“ ist sie zu sehen. Da sagt sie: „Die Menschen haben immer den Hund, der zu ihnen passt.“ Die Filmemacherin erinnert sich: „Sie hatte für mich etwas von einem Stummfilmstar.“

Etwa zwei Wochen lag die Gräfin tot in ihrer Wohnung, bevor sie gefunden wurde. Baja lebte noch, war aber so schwach, dass auch sie kurz darauf starb.

Schon am Sonntag nach Bekanntwerden ihres Todes trafen sich Leute aus der Gegend in der Bierkneipe „Anno 64“. „Wir haben eine Soko gebildet, um der Gräfin das letzte Geleit zu geben“, sagt Angelina. „Sie bleibt haften. Die Straße war ihr Laufsteg und wir ihr mäßig gekleidetes, ungeschminktes, bewunderndes Publikum.“

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