Berlin : Gisela Römer (Geb. 1938)

Das Ehebett hat sie mitgenommen in ihre Hütte in der Wildnis

Kerstin Römer

Ihr Lieblingsspiel als Kind war „Flucht“. Das hat sie oft erzählt. Als immer mehr Bomben Berlin in Schutt legten und die Kinder verschickt wurden, hatte Gisela Glück. Ihre ganze Familie kam im Sudetenland unter. Die Nächte im Keller hat sie nie vergessen, das Heulen der Sirenen. Ende ’44 wurde ihr Vater noch zum Volkssturm eingezogen, Mutter und Tochter machten sich allein auf den Weg zurück nach Berlin.

Was genau in der Nacht passierte, als die Russen Gisela mitnahmen, um die Kommandantur zu fegen, hat sie nie erzählt. Die Mutter, die Patentante, kaum eine ist drumrum gekommen, gesprochen wurde darüber nie. Das Haus in Ost-Berlin, Johannisthal war ganz geblieben. Im Garten der Laubenkolonie hielt die Mutter Hühner und Kaninchen, die mitsamt dem Gänseküken im Handkarren jeden Abend in die Wohnung gekarrt und im Badezimmer und auf dem Balkon vor Dieben bewahrt wurden. Das Gänseküken fraß sich an Resten fett; das rettete dem halb verhungerten Vater das Leben, als er im Herbst nach Hause fand.

Mit der Mutter versteht sich Gisela nicht. Sie überwacht die Tochter, besteht auf Überschlüpfern und pünktlichem Nachhausekommen, wenn Gisela zur Tanzstunde geht. Der Vater erzählt nichts vom Krieg und ist froh, wieder als Lehrer arbeiten zu dürfen. Mit der Tochter fährt er im Faltboot über die Seen und durch den Spreewald. Kleine Fluchten.

Trotz Sektorengrenze und strenger Devisenkontrollen reist Gisela nach dem Abitur mit einer Freundin nach Italien. Sie klauen Wassermelonen und Weißbrot, sie bestaunen Venedig, Florenz und Rom, kehren heim – und Gisela darf nicht studieren. Sie sei politisch nicht reif. Die beste Freundin feiert Verlobung und es kommt ein Freund des Verlobten, ein Seemann, braun gebrannt, blond, mit Bart. Das ist Hans, Giselas große Liebe.

In der Frühschicht steht sie am Band und schraubt Glühbirnen zusammen, am Nachmittag studiert sie. Nicht im Osten, sondern an der Freien Universität in Dahlem. Hans will zur Handelsmarine und besucht die Seefahrtschule bei Bremen. 1961, Ende Juni soll Hochzeit gefeiert werden. Eine Wohnung in der Motzstraße, West-Berlin ist angemietet. Gisela fährt über die Sektorengrenze hin und her und bringt den Hausstand stückweise hinüber. Drei Tage vor der Hochzeit schickt Hans ein Telegramm: Er sagt ab. Gisela geht mit einer Flasche Schnaps in den Grunewald, setzt sich an den See, nimmt Tabletten, schneidet sich die Pulsadern auf – und überlebt.

Im August hat sie Streit mit der Mutter. Sie schläft in der halb eingerichteten Wohnung in der Motzstraße. Am nächsten Tag steht an der Grenze alle zehn Meter ein Mann, Bauarbeiter mauern Steine aufeinander. Eine Studienfreundin hält Gisela ab, in den Osten zurückzufahren.

Sie findet Arbeit, Margarine statt Glühbirnen, jetzt im Akkord. Nachmittags bereitet sie sich auf das Staatsexamen vor. Hans schreibt einen Brief, er bittet sie um ein Treffen. Gisela will, wenn sie den Mann nicht haben kann, den sie liebt, doch ein Kind von ihm. Ein Wunschkind, das sie zeugen lässt, damit es sie liebt. Hans fährt zur See und ahnt nicht, dass er Vater wird. Gisela tritt ihre erste Stelle als Lehrerin an, bevor jemand sieht, dass sie schwanger ist und der Skandal „ledige Mutter unterrichtet Berliner Schüler“ sich nicht mehr vertuschen lässt. Hans‘ Vater spielt mit einem Beamten der Schulbehörde Doppelkopf. Der fragt: „Wir haben da ein Fräulein, aus dem russischen Sektor geflohen, die wird Mutter. Hatte die nicht mal was mit Ihrem Sohn?“ Weil sich das so gehört, wenn man ein Kind gemacht hat, und weil Hans immer noch verliebt ist in Gisela und Gisela in ihn, heiraten sie doch noch. Zwei Jahre später folgt ein Sohn.

Das Unstete, das Unterwegssein verbindet Gisela und ihren Seemann, der es in den nächsten Jahren bis zum Kapitän bringt. Jetzt kann er seine Familie in den Schulferien mit an Bord nehmen. Er zeigt ihnen die weißen Städte des Mittelmeers, Schottland, Norwegen und Nordafrika. Das Wasser ist Giselas Element, aber nicht das Meer. Das ist zu weit, darin könnte man sich verlieren.

Anfang der siebziger Jahre zieht die Familie nach Hamburg. Die Ferien verbringen sie in der Natur, jeden Tag ein neues Quartier, wie auf der Flucht. 1977 baut Hans in Sopot, Polen Schiffe und hat dort eine Geliebte, bei der er wohnt. Gisela verbringt den Sommer mit den Kindern im selben Haus, ahnt und schweigt. Im Jahr darauf zieht Hans aus dem Reihenhaus in Hamburg aus. Erst zur Hochzeit des Sohnes 1989 sieht Gisela ihn wieder. Da hat sie schon ihren Traum wahr gemacht und endlich Wurzeln geschlagen: in Ontario, Kanada. Als Hans 1992 stirbt, stellt sie sein Foto auf den Nachttisch des Ehebetts, das sie mitgenommen hat in ihre Hütte mitten in der Wildnis.

Der Sohn zieht mit Frau und drei Kindern auch nach Kanada, aber an die Westküste. Zu Weihnachten fährt Gisela zu ihm, drei Tage mit dem Greyhoundbus. Im Frühjahr ist sie in Deutschland, besucht die Tochter in Berlin und ihre Ärzte in Hamburg. Nachdem die eine Sklerodermie diagnostiziert haben, kommt sie zweimal im Jahr, bleibt immer länger und sehnt sich nach ihrer Hütte im Wald.

Dann kommt der Krebs, die Behandlung hat Erfolg, sie fährt wieder nach Kanada. Es treten erneut Schmerzen auf, sie soll sich gründlich untersuchen lassen.

Am Morgen des 28. Februar beschreibt sie ein paar Zettel, erklärt, dass ihre Asche über den See gestreut werden soll. Dann geht sie hinaus in den Schnee und tritt ihre letzte Reise an, ihre letzte Flucht.

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