Berlin : Gläserne Knochen

Oliviero Toscanis Fotos für die Benetton-Werbung lösten einen Skandal aus. Jetzt ist er wieder da

Elisabeth Binder

Wie macht man eine Krankheit bekannt, damit den Betroffenen besser geholfen werden kann? Zum Beispiel durch Provokation. Oliviero Toscani, früher für hochumstrittene Kampagnen bei Benetton zuständig, hat Aktfotos gemacht von 24 Patienten, die an so genannten leicht brechbaren Glasknochen leiden. Die Ausstellung über Osteoporose, die Krankheit, von der sechs Millionen Deutsche betroffen sind, wurde mit vielen Prominenten und einem Konzert der Band „Ich und Ich“ von Annette Humpe am Mittwochabend im Umspannwerk Humboldt eröffnet. Bereits vor sechs Jahren sind die Fotos in einem Studio in Prenzlauer Berg entstanden und inzwischen in vielen europäischen Hauptstädten gezeigt worden. „Die Deutschen sind ein bisschen langsam“, vermutete der Starfotograf auf die Frage von Moderatorin Nina Ruge, warum sie erst jetzt zum ersten Mal hier zu sehen sind. Immerhin war es auch das erste Mal, dass eine Gesundheitsministerin bei der Vernissage anwesend war. Schirmherrin Ulla Schmidt erzählte sehr offen von den Problemen, die ihre Mutter mit der Krankheit hatte, gab aber auch zu, dass sie ihre eigene Knochendichte noch nicht hat messen lassen.

Einige der Fotografierten waren gekommen und attestierten Toscani großes Einfühlungsvermögen. Er habe ihnen die Würde nicht genommen und eine sehr entspannte Atmosphäre geschaffen. „Das hatte nichts Anrüchiges. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ein Aktfoto gemacht wird, sondern dass die Krankheit fotografiert wird“, erzählte Isabelle Gottschalk-Schmidt. Sie hatte sich bei der Geburt ihres Sohnes im Alter von 25 Jahren Wirbel und Rippen gebrochen. Dass sie Osteoporose hatte, wurde zunächst nicht erkannt. Heute ist sie wieder gesund. Es gibt Therapien, wenn die Diagnose beizeiten gestellt wird. Damit das öfter als bisher der Fall ist, soll die Krankheit stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Zum Beispiel durch eine solch ungewöhnlich gestaltete Vernissage, die Elemente aus der Glamourwelt mit einer ernsten Mission verbindet.

Der Experte Helmut Minne rechnet mit einer Zunahme der Betroffenen, weil die Menschen immer älter werden. Vorbeugend wirken zum Beispiel eine kalziumreiche Ernährung, Vitamin D und viel Bewegung. Sechs Patienten schritten über eine Art Laufsteg und erzählten ihre Leidensgeschichte. Eine Frau brach sich bei einer herzlichen Umarmung an ihrem 40. Geburtstag zwei Rippen. Andere hatten deutlich an Körpergröße eingebüßt. Zu den Botschafterinnen für die Krankheit zählt Rosi Mittermaier, die mit Ehemann Christian Neureuther gekommen war. „Ganz wichtig ist es, sich nicht zurückzuziehen, sondern in Bewegung zu bleiben.“ Häufiger telefoniert sie mit Betroffenen und fühlt sich dabei als Impulsgeberin. Knochenbrüche hat sie schon als Kind erlebt, allerdings nicht krankheitsbedingt, sondern weil sie beim Skifahren „zusammengefahren wurde“.

Initiiert wurde die Ausstellung vom Deutschen Grünen Kreuz, das die gesundheitliche Vorsorge in Deutschland fördert. Dessen Geschäftsführerin, Barbara von Stackelberg, überreichte Toscani eine alte Kamera: „Das ist sein einziger Lohn.“ Ein anderes Honorar habe er nicht bekommen. Toscani betrachtet seine Bilder als ein historisches Abbild menschlichen Lebens, nannte die Porträtierten „großzügig“, weil sie durch ihren Einsatz auch anderen helfen. Nicht Fotos seien schockierend, sondern die Realität, die dahinter steht. Nach vielen ernsten Gesprächen, gab es ein kalziumreiches fliegendes Büfett und den musikalischen Vorgeschmack auf die Tournee der früheren Frontfrau von „Ideal“, Annette Humpe.

Bis zum 12. Juni im Umspannwerk Humboldt, Kopenhagener Straße 57, Prenzlauer Berg, täglich 11 bis 21 Uhr. Eintritt frei.

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