Berlin : Glaubensfragen

Seit dem Vorfall an der Morus-Schule wird über Wertekunde diskutiert. Bei den Parteien gibt es Bewegung

Susanne Vieth-Entus

Erst war es die steigende Gewaltbereitschaft in den Schulen, dann das Erstarken der Islamischen Föderation, jetzt der Beifall türkischer Schüler an der Neuköllner Thomas-Morus-Schule für den „Ehrenmord“ an der 23-jährigen Hatin S.: Die Anlässe, über einen verpflichtenden Werte- und Religionsunterricht für Berlins Schulen nachzudenken, häufen sich.

Nachdem jahrelang nur die CDU um das zusätzliche Pflichtfach gerungen hatte, sind nun alle Parteien entschlossen, die Lücke zu füllen: Unisono heißt es, dass Fächer wie Gemeinschafts- und Sozialkunde offenbar nicht mehr ausreichen, um ethische Konflikte, die sich zum Beispiel aus dem unterschiedlichen Rollenverständnis der Kulturen ergeben, angemessen in der Schule zu behandeln und den Schülern dabei zu helfen, Konflikte zu bewältigen. Inzwischen haben sich alle Berliner Parteien auf eigene Linien für den Werteunterricht geeinigt – bis auf die SPD. Sie ringt noch um ein mehrheitsfähiges Modell, das auf dem Bildungsparteitag am 9. April abgestimmt werden soll. Zur Disposition stehen zwei Varianten:

Die SPD-Linke will den Bündnisgrünen und dem Koalitionspartner PDS folgen. Ihnen schwebt vor, dass alle Schüler zusammen das verpflichtende Fach „Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde“ (LER) besuchen, das es bereits in Brandenburg gibt. Anders als in Brandenburg wollen sie aber nicht, dass sich die Schüler von LER abmelden, um alternativ am Unterricht der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften teilzunehmen. Die Gemeinschaften könnten aber zusätzlich zu LER ihren Unterricht an den Schulen anbieten und bekämen ihn auch, zumindest teilweise, finanziert. Dieses Modell würde nach Schätzungen rund 100 Millionen Euro pro Jahr kosten, wenn LER von Klasse 1 bis 13 angeboten würde.

Bildungssenator Klaus Böger und die SPD-Rechte rund um den „Britzer Kreis“ werben auch für LER, wollen aber Alternativen zulassen. Schüler könnten dann frei entscheiden, ob sie LER besuchen oder sich davon befreien lassen, um evangelischen, katholischen, islamkundlichen Unterricht oder das Fach Lebenskunde des Humanistischen Verbands zu besuchen. Es soll Unterrichtsstunden geben, in denen die Schüler die anderen Religionen kennen lernen („Begegnungsmodell“). Das kommt auch der FDP nahe. Die CDU sähe es am liebsten, wenn die Schüler nur zwischen Ethik/Philosophie und dem kirchlichen Unterricht wählen könnten. Diese Modelle wären preiswerter. Die Rede ist von 50 Millionen Euro. So viel gibt Berlin auch jetzt schon für den Modellversuch Ethik/Philosophie und das Unterrichtsangebot der Kirchen, der Humanisten, der Islamischen Föderation, der Alewiten und Buddhisten aus.

Jede Variante birgt die Gefahr von Gerichtsverfahren. So ist etwa umstritten, welche Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ein Anrecht auf staatliche Finanzierung und Zulassung an den Schulen haben. Diese Frage ist so virulent, dass die SPD für ihre Mitglieder eine Expertendiskussion veranstaltet: Montagabend werden Humboldt-Professor Bernhard Schlink und der ehemalige Verwaltungsrichter Peter von Feldmann im Abgeordnetenhaus über den juristischen Status der Islamischen Föderation und des Humanistischen Verbandes streiten.

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