Gleis 17 : Deportation Berliner Juden: Weg in den Tod

In Grunewald wurde an die erste Deportation erinnert

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Weiße Rosen zum Gedenken. Klaus Wowereit und Lala Süsskind von der Jüdischen Gemeinde am Mahnmal Gleis 17. Foto: dpa
Weiße Rosen zum Gedenken. Klaus Wowereit und Lala Süsskind von der Jüdischen Gemeinde am Mahnmal Gleis 17. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Hunderte weiße Rosen lagen am Rande des Bahnsteigs am ehemaligen Güterbahnhof Grunewald. Sie wiesen auf das Gleis 17, wo am 18. Oktober 1941 der erste Deportationszug Berlin in Richtung Ghetto Litzmannstadt (Lodz) verlassen hatte. Für die ersten 1089 jüdischen Kinder, Frauen und Männer hatte dort die Fahrt in den Tod begonnen.

Rund 400 Menschen besuchten am Dienstagnachmittag die Veranstaltung am dortigen Mahnmal, mit der des 70. Jahrestages der Tragödie gedacht wurde. „Eines der schmerzlichsten Kapitel Berlins“ habe damals begonnen, sagte derRegierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Die Stadt bekenne sich zu ihrer Verantwortung und wolle auch künftig Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit bekämpfen. Das Mahnmal stehe auch „für die hocheffiziente Herrschaft des Terrors“, sagte Wowereit. „Ohne die Mithilfe der Reichsbahn wäre die Deportation nicht möglich gewesen.“ Alle Anwesenden – unter ihnen der evangelische Landesbischof Markus Dröge und Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau – hätten mit ihrem Erscheinen ein Zeichen des Erinnerns und der Mahnung gesetzt, dafür zu sorgen, dass Freiheit für alle Menschen weltweit gelten solle. Wowereit und Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, erinnerten an das Wegschauen der Berliner während der Nazizeit. Alle hätten sehen können, wie die Juden vom Sammellager Levetzowstraße in Moabit nach Grunewald laufen mussten. Sie müssten sich fragen lassen, warum sie es geschehen ließen, sagte Wowereit. Die Wunden von damals seien trotz des pulsierenden jüdischen Lebens in Berlin noch nicht verheilt, sagte Süsskind.

Inge Deutschkron, die den Naziterror im Untergrund überlebt hatte, erzählte vom 16. Oktober 1941, als eine Mitbewohnerin eines Hauses in Schöneberg von der Gestapo abgeholt wurde. „Hitlers Mordmaschinerie war angelaufen“, sagte Deutschkron. „Die Angst beherrschte unser Leben, das Leben von Todgeweihten.“ Die jüdische Gemeinde habe in Berlin bald aufgehört zu existieren. Von 160 000 Mitgliedern seien 50 000 in den Osten deportiert worden, nach Litzmannstadt, Minsk, Auschwitz, 7000 Mitglieder hätten Selbstmord begangen, 80 000 seien geflohen, 1700 hätten im Untergrund überlebt. Zwischen den Reden sang der Chor der Berliner Singakademie, Schüler lasen Gedichte vor.

Eine berührende Feier. „Ich war oft den Tränen nahe. Die Erinnerung darf nie aufhören“, sagte die 73-jährige Erika Traube aus Wilmersdorf. „Eine sehr angemessene Veranstaltung“, fand Alexander Moslé (62) aus Charlottenburg. Seine Eltern hätten wie Deutschkron nur überlebt, weil mutige Berliner sie versteckt hätten. Einige Zuschauer allerdings waren sauer, weil sie von den Reden nichts gehört hatten - es waren nur vier kleine Boxen aufgestellt. Christoph Spangenberg

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