Glosse : Retrocool in der U-Bahn

Kiffende Migranten, schwäbische Rentner-Gangs am Alex, Szene-Schnösel in Mitte: Das sind doch alles Vorurteile. Doch manchmal kommt einfach alles zusammen. Über Klischee-Sightseeing entlang der U 8 an einem denkwürdigen Abend im August.

Sylvia Vogt

Alles beginnt in der Nähe des Hermannplatzes. 21:30 Uhr, ich bin auf dem Weg zu einer Party in Mitte. Auf dem Gehweg kommt mir ein Migrantenboy entgegen, seine Kumpels sind schon auf der anderen Straßenseite. "Haben Sie Feuer?", fragt er höflich. Das Siezen und der laue Abend stimmen mich milde, also greife ich nach meinem Feuerzeug. "Schlampe, Schlampe" rufen seine Kollegen gleich. Als die Zigarette endlich brennt, bedankt er sich und fragt dann: "Wollen Sie mitkiffen?", ich wende mich ab, und höre noch, ein bisschen kleinlaut klingt es jetzt: "Oder bumsen?".

So etwas ist mir in neun Jahren Neukölln erst zwei oder drei Mal passiert, die letzten beiden Male allerdings erst kürzlich und ich überlege, ob das schon der Beweis ist, dass jetzt aber wirklich alles immer schlimmer wird. Als ich in der U 8 sitze, amüsiere ich mich bei dem Gedanken, was passieren würde, wenn man auf ein solches Angebot - statt mit versteinerter Miene weiterzulaufen - einfach ernsthaft antworten würde: "Jetzt, wo Sie es sagen". Ich grinse in mich hinein, bis mich ein Ellenbogen in die Rippen trifft.

An der Jannowitzbrücke ist ein Schwung schwäbischer Rentner eingestiegen, die offenbar ein anderes, südländischeres Gefühl für Distanz haben, denn eine der Damen setzt sich mir quasi auf den Schoß, ohne mich auch nur zu bemerken und fuchtelt mit den Armen herum. Gut gelaunt und glucksend erzählen sie sich die Berlin-Erlebnisse ihres Tages, und zwar lauter als ich das je bei Hertha-Fans erlebt habe. Am Alexanderplatz dann "Müsse mir scho naus?" und weg sind sie. Ich schwöre, sie waren wirklich alle in beiges Popelin gekleidet und sie redeten wirklich so.

Danach wundert es mich auch nicht mehr, als der obligatorische Druffi einsteigt, und um ein paar 10-Cent-Stücke nachfragt, oder als dann - beim Aussteigen am Rosenthaler Platz - der erste Dialogfetzen, den ich aufschnappe: "Die haben hier alle wireless W-Lan" lautet. Wireless W-Lan! Und das direkt vor dem Oberholz! Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Sams am nächsten Samstag, pardon Sonnabend.

Auf der Party, die natürlich in einem Dachgeschoss in der Torstraße mit Blick auf den Fernsehturm stattfindet, tanzen und kichern dann am Ende alle zu einem Lied, das Textperlen wie diese enthält: "Dass mein Hodensack so schwitzt, weil meine Hose so eng sitzt, das find' ich stark - ich bin im Weinbergspark". Zurück geht es mit dem Taxi. Genug ist genug.


Wer es nicht glaubt: Hier können Sie sich das Video zu dem Lied mit dem Refrain "Retrocool in Mitte" ansehen.

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