Berlin : Glücksspiel am Fahrkarten-Automaten

Seit gestern gelten die neuen Tarife im öffentlichen Nahverkehr. Es blickt noch längst nicht jeder durch

Constance Frey

Am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr war das Ticket zur Mitnahme des Fahrrads im Angebot des BVG-Automaten am Sophie-Charlotte-Platz nicht zu finden, und der BVG-Angestellte hatte auch keine Ahnung. Seit dem 1. April gelten die neuen Tarifbestimmungen für öffentliche Verkehrsmittel – und damit auch die neu geregelte Fahrradmitnahme in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit der Welcome-Card und der alten Premium- und Seniorenkarte fährt das Rad noch umsonst mit. Alle anderen müssen entweder eine ermäßigte Einzelfahrkarte oder eine Fahrradkarte für 5 Euro kaufen, die maximal einen Monat und nur in Verbindung mit einer Monatskarte gilt. „Alle Automaten sind in der Nacht umgestellt worden. Die neuen Karten gibt es auch an den Verkaufsstellen“, sagt VBB-Sprecherin Sabine Vogel. Das Personal sei wie immer geschult worden, um die neuen Regelungen zu erklären. Am Sophie- Charlotte-Platz klappte das aber offenbar nicht auf Anhieb.

Anders im Kundenzentrum der S-Bahn am Zoologischen Garten. „Fahren Sie eher ab dem späten Vormittag mit der Bahn? Dann würde ich ihnen das 10-Uhr-Ticket für 49,50 Euro anbieten.“ Anne Schlüter, 43 Jahre, hat gerade im S-Bahn-Büro eine solche Monatskarte für den Bereich AB gekauft. „Mir passt die neue Regelung sehr gut, da ich erst mittags arbeite.“ Im Sommer wird sie auch ihr Fahrrad mitnehmen. „Das ist ja dann mit der neuen Karte noch billiger als mit der alten Premiumkarte.“ Sie ist zufrieden. Auch Kathrin Klimt freut sich. Die Kartenverkäuferin hat gleich Schichtende und der Vormittag war relativ ruhig. Sie hat schon schlimmere Tarifänderungen erlebt. „Die Leute haben es positiver als sonst aufgenommen. Sie sind auch vorher gut informiert worden.“

Seit etwa zehn Tagen liegt in ihrem Büro eine Broschüre mit den wichtigsten Änderungen aus, und wer es ganz genau wissen will, kann sich für 20 Cent die neuen Tarifbestimmungen auf 141 Seiten kaufen. Nur die Arbeitslosen kamen am Donnerstagmorgen oft ratlos ins Büro, sagt sie. Ihr Sozialticket für 23,50 Euro entfällt, die nächstbilligste Lösung ist das 10-Uhr-Monatsticket. Und auch die Seniorenkarte gibt es nicht mehr. Das ist Winfried Opitz aber nicht so wichtig. Der 78-Jährige hat ein normales Jahresabonnement für den Bereich AB und wird sich erst um die neuen Tarife kümmern, wenn das im August ausläuft. „Dann zahle ich etwa 50 Euro mehr“, schätzt er.

Ein Stockwerk tiefer müssen die BVG-Betreuer im Kundenbüro auch immer wieder die gleichen Fragen beantworten. „Gibt es die Monatskarte Standard noch?“ Oder „Wie kann ich denn jetzt mit meinem Einzelfahrschein fahren?“ Die Schlange ist lang, denn fast jeder Kunde braucht noch Hilfe bei der Entscheidung für eine Fahrkarte.

In der Vorhalle steht Ruth Fischer. Die 15-jährige Schülerin ist mit einer Geschwisterkarte unterwegs. Die neuen Tarife findet sie nicht so toll. „Meine Eltern haben sich wahnsinnig aufgeregt.“ Trotz Jahresabonnement müssen sie die Preiserhöhung für Schülerkarten mittragen. Und auch Susi Förster ist nicht wirklich begeistert. Im März hat sich die 20-Jährige eine Monatskarte gekauft, jetzt ist sie mit einer 7-Tages-Karte unterwegs. Sie ist noch nicht so lange in Berlin, aber einen ersten Eindruck von den öffentlichen Verkehrsmitteln hat sie schon: „Ich finde es ganz schön teuer.“

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