Berlin : Göring auf der Ehrentribüne

Eklat im Tennisklub Rot-Weiß: Direktor wegen strittiger Chronik suspendiert

Benedikt Voigt

Dieter Koditek kann sich die Ereignisse der letzten Stunden noch nicht erklären. „Falls ein falscher Eindruck entstanden ist, so tut es mir außerordentlich leid“, sagt der Redakteur der „Rheinischen Post“. Ein Artikel, den er vor drei Jahren für das Buch „Tennis in Deutschland“ geschrieben und für das Programmheft des Tennisturniers Katar German Open noch einmal überarbeitet hat, hat ungeahnte Folgen. „Nazi-Skandal in Berlins feinstem Tennis-Club“, titelte die „B.Z.“, das Programmheft ist eingezogen, der hauptamtliche Klubchef des LTTC Rot-Weiß suspendiert worden. Was ist passiert?

Koditeks Beitrag sowie ein Foto von Hermann Göring auf der Ehrentribüne im Programmheft der German Open verharmlosen die Zeit des Nationalsozialismus. So ist in dem Beitrag unter der Überschrift „Ein Klub mit großer Tradition“ neben anderen Fotos ein Bild des „Reichsmarschalls“ zu sehen. In der Bildunterschrift steht kommentarlos: „Hermann Göring auf der Ehrentribüne von Rot-Weiss.“ Zudem heißt es über die Zeit um 1933, als viele jüdische Mitglieder den Verein verließen oder verlassen mussten und viele Nazis, unter anderem Göring, in den Verein eintraten: „Auf diese Weise um die Hälfte seines Mitgliederbestandes reduziert, öffnete sich der vormals so bezeichnete ,Judenclub‘ neuen Mitgliedern. (…) Sportlich tat dieser Wandel dem Club wie auch dem deutschen Spitzentennis keinen Abbruch – im Gegenteil: Es folgten goldene Jahre (…).“

Der Filmproduzent Artur Brauner bezeichnete die Formulierungen als „Schandtat“. Und die sportpolitische Sprecherin der Grünen, Jeannette Martins, erklärte: „Dass man sich mit Naziverbrechern als ehemaligen Mitgliedern schmückt und judenfeindliche Passagen verbreitet, ist mehr als ein Fauxpas.“ Sie forderte Konsequenzen. Der Klub wird vom Land subventioniert.

Hans-Jürgen Jobski, Klubchef von Rot-Weiß, spricht von einer „Katastrophe“. „Ich bin selber sehr sensibel, was dieses Thema anbelangt“, sagt Jobski, doch habe er den Text erst gesehen, „als es schon zu spät war“. Jobski zog das umstrittene Programmheft aus dem Verkehr. Den hauptamtlichen Klub-Direktor Lars Rehmann hat er bis zu einem Gespräch am kommenden Montag suspendiert. Rehmann hatte den Artikel namentlich unterzeichnet. Die neuen Turnierverantwortlichen aus Katar betrachten den Vorfall als Angelegenheit von Rot-Weiß. „Das ist nicht unser Problem“, sagte Turnierdirektor Ayman Azmy Galal, „das Programmheft ist vom Klub überprüft worden.“

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