Berlin : „Gott segne dieses Haus“ – „Raus!“

Die Sternsinger sind unterwegs. In Berlin machen sie meist schlechte Erfahrungen

Juris Lempfert

Der Papst hat ihnen viel Glück gewünscht, Bundespräsident und Bundeskanzler empfangen sie persönlich. Aber jetzt stehen sie in einem Hochhauseingang in Prenzlauer Berg. „Wir sind die Sternsinger“, sagt der zwölfjährige Joob. „Ja und?“, fragt der Pförtner. Ein Hausbewohner steht vor dem Fahrstuhl. Er sagt: „Igitt, euer Weihrauchgestank macht mich krank.“ Joob, Pia, Benjamin und Klara nehmen es gelassen. Immerhin schmeißt sie hier niemand raus. Wie sonst so oft. Kaufhäuser probieren die vier sechs- bis zwölfjährigen Sternsinger gar nicht mehr. Mit einem „Betteln verboten“ zeigt ihnen das Aufsichtspersonal meist die Tür. Sternsinger in Berlin – das ist ein harter Job. „Berlin ist für uns Diaspora“, sagt die katholische Referentin der Gemeinde Ss. Corpus Christi in Prenzlauer Berg, Regina Harzdorf, „wir werden ausgelacht und oft aggressiv beschimpft.“

Überall in Deutschland ziehen jedes Jahr tausende Kinder als Sternsinger los. Verkleidet als die Heiligen Drei Könige, singen und sammeln sie Geld für arme Kinder in der Dritten Welt. Und fast überall in Deutschland ziehen die 6- bis 14-Jährigen dabei von Haustür zu Haustür. Nicht so in Berlin. „Wir haben hier sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Wir müssen die Kinder schützen“, sagt die Referentin des Kindermissionswerks Berlin, Daniela Dicker. In der Hauptstadt klingeln die kleinen Sternsinger deshalb nur noch an Häusern, in denen sich Bewohner vorher einverstanden erklärt haben. Intern teilt man bei den Sternsingern Berlin zudem in „geschützte Gebiete“ und „nichtgeschützte Gebiete“. Zu den geschützten zählen beispielsweise Zehlendorf, Kladow und Frohnau. Hier fühlt man sich relativ sicher vor Beschimpfungen. Anders in den „nichtgeschützten Gebieten“, wo deshalb vergleichsweise wenige Kinder unterwegs sind. Marzahn gehört beispielsweise dazu, genau will sich dazu aber keiner der Verantwortlichen äußern. Die Ablehnung käme oft auch aus Unkenntnis. „Im Osten gab es keine Sternsinger. Hier lernen uns die Leute erst nach und nach kennen“, sagt Regina Harzdorf. Die Schwierigkeiten der Sternsinger führen bei der Berliner Erzdiözese zu entsprechend geringeren Spendeneinnahmen. Insgesamt 32 Millionen Euro wurde im letzten Jahr in ganz Deutschland gesammelt, nur 237000 Euro davon in Berlin. Die Diözese Hamburg sammelte mehr als 300000 Euro, Freiburg und Osnabrück dreimal so viel.

Joob, Pia, Benjamin und Klara trauen sich trotz allem auf die Berliner Straßen. An diesem Nachmittag sind sie in Prenzlauer Berg und Kreuzberg unterwegs. „Es ist schon doof, wenn die Leute so unfreundlich sind“, sagt Joob. Die neunjährige Klara erklärt sich das so: „Manche Leute sind aus anderen Ländern und die wissen eben nicht, wer wir sind.“ Die Sternsinger geben sich an diesem Nachmittag alle Mühe, dass sich das ändert. Jeder Passant wird angesprochen und besungen, die Kinder blicken vorsichtig durch die Scheiben der Bäckereien und Kioske und schwenken ihre Sammeldose. Und manch einer lässt sich dann doch erweichen, gibt zehn Cent oder sogar zwei Euro. Stundenlang ziehen sie so durch die Kälte und überlegen dabei, was die armen Kinder mit dem Geld wohl so alles machen können. Zwischendurch klingeln sie bei den vorab informierten Gemeindemitgliedern, hier gibt es die größten Spenden. Drei volle Tage sammeln sie. Am Ende haben sie 1200 Euro zusammen und sind sehr zufrieden.

Heute Nachmittag sind Joob, Pia, Benjamin und Klara beim Bundespräsidenten. Der soll „sehr großzügig sein“. Vor einigen Wochen hat der Bundeskanzler ihnen im Kanzleramt die Hand geschüttelt. Und auch vom offiziellen Berlin werden sie am Mittwoch noch empfangen – von einem Staatssekretär.

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