Berlin : Gott und das Netz: Ein Kardinal lädt zum Chat

Alexander Pajevic

Man geht ja mit der Zeit, und so ist auch die katholische Kirche auf der Funkausstellung vertreten. Der Stand ist schlicht. Nur ein paar Bildschirme laden ein, die religiöse Dimension des Internets zu erkunden. Man setze auf "Promis", um auf die Präsenz der Kirche in den Medien aufmerksam zu machen, erklärt ein Referent, mehr auf "Unterhaltung und Fun" als auf religiöse Inhalte. Und deshalb wurde man nicht müde, inmitten der Kakophonie von Halle 15 - im Hintergrund besang Karel Gott die Biene Maja - lautstark den Besuch von Georg Kardinal Sterzinsky anzukündigen. Beim Internetchat wollte der Erzbischof Fragen beantworten.

Der Besuch war der Abschluss eines Messebummels. Sterzinsky wollte sich nach dem großen technischen Durchbruch umschauen. Er selbst habe keinen Internetanschluss, gab der Kardinal zu. Aber natürlich sei er per E-mail dienstlich zu erreichen - das Beantworten überlasse er seinen Mitarbeitern. Als Sterzinsky dann Platz nahm, um in den Worten des Standmoderators den "ersten Chat seines Lebens" zu beginnen, hoffte der Kardinal einleitend auf einen "guten, technisch einwandfreien Kontakt" - und machte so deutlich, wie sehr er noch der analogen Ätherwelt verhaftet ist. Aber schließlich heißt es ja Funkausstellung.

Gebannt starren alle Anwesenden auf den Bildschirm, und Sterzinsky wird in seiner Wortwahl metaphysisch: Er warte auf ein Zeichen. Fünf Teilnehmer wies das digitale Forum aus, doch so recht wollte die Unterhaltung nicht in Schwung kommen. Endlich die erste Frage: "Was macht ein Bischof auf der IFA?" Sterzinsky diktiert seinem Adlatus in die Tastatur: "Er interessiert sich für die technischen Möglichkeiten der Kommunikation, denn er möchte, dass die Kirche die Mittel nutzt, um mit Menschen in Kontakt zu treten." Gut gegeben, aber der Teilnehmer verstummt. Mit einer Frage solle er ihn aus der Reserve locken, schlägt der Operator vor. Sterzinsky zögert nicht lange und diktiert: "Ist es denn so verwunderlich, dass ein Kardinal auf die IFA geht?" Wieder keine Antwort. Das sei eine typische Erfahrung beim Chatten, wird Sterzinsky getröstet, aber im Bayrischen habe man gute Erfahrung mit einem Chat unter Messdienern gemacht, und für Seelsorger liege in der Anonymität die Chance zum ersten Kontakt.

Ein Journalist aus dem Süddeutschen mit einem großen goldenen Kreuz um den Hals nutzt die digitale Funkstille zum persönlichen Kontakt und beginnt ein Gespräch mit Sterzinsky. Da meldet sich plötzlich wieder ein Chatteilnehmer: "Dyba. Guten Tag." Großes Gelächter, und Sterzinsky antwortet: "Ja, hier bin ich." Doch das virtuelle Fulda ist verstummt. Schließlich taucht die kritische Frage auf dem Bildschirm auf, ob die IFA-Präsenz der Kirche das viele Geld denn lohne? Man zeige damit, dass man die Öffentlichkeit nicht scheue, kommt e-postwendend die Antwort. Und weiter starren alle auf den Schirm, so dass die bemalte, barbusige Hostess eines Internetanbieters, die sich am Stand eingefunden hat, gar nicht wahrgenommen wird. Das Netz aber bleibt stumm, sozusagen. Bis auf einen letzten Gruß Sterzinskys: "Hiermit verabschiede ich mich von Ihnen und wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag." War das nun das technische Ereignis, das er gesucht hat? "Telefonieren ist mir angenehmer," gestand der Kardinal.

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