Berlin : Grauen in Oberschöneweide

In einer Industriehalle erwachen Ungetüme aus Stahl und Latex zum Leben. Die Künstlertruppe „Dead Chickens“ fertigt hier ihre ungewöhnlichen Werke

Stefan Jacobs

Aus der Ferne klingt die Monstershow wie die Love Parade, solange man den Tiergarten als Schallschutz dazwischen hat. Umpf-umpf-umpf-kschhh-umpf! Der Lärm schwillt an, während man längs durch die ausgediente Fabrikhalle an der Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide geht. Man schlüpft durch eine Lücke in der Trennwand aus schwarzer Plastikfolie – und setzt sich am besten erst einmal auf das Bänkchen zwischen den Käfigen, von dem aus man die ganze schaurige Gesellschaft im Blick hat. Der Druck der Bässe lässt die Hosenbeine flattern. Geradeaus reckt sich ein dreiköpfiger Drache. Manchmal brüllt er, manchmal spricht er: mit tiefer Stimme der mittlere Kopf, piepsig der linke, grollend der rechte. „Seelenchor“ heißt der Drache, unter dessen Köpfen eine Art Mundhöhle, kubikmetergroß und mit schwer kariösen Zähnen, mümmelt. Das Gewebe des Drachen besteht aus Latex, seine Muskeln aus Pneumatik-Zylindern, sein Gehirn aus einem aufwändig programmierten Computer. Was, zum Teufel, ist hier los?

Das Sorgerecht für die Monster haben die „Dead Chickens“. Tote Hühner. Klingt sehr zeitgemäß nach Vogelgrippe, bezeichnet aber eine schon 1983 in West-Berlin gegründete Musik- und Performance-Gruppe. Erst haben die Dead Chickens Musik gemacht und einfache Maschinen dazu tanzen lassen. Im Laufe der Zeit drängten die Maschinen in den Vordergrund. „Eigentlich treten wir gar nicht mehr selbst auf“, sagt Hannes Heiner, Dead Chicken der ersten Stunde. Erst hausten die Monster in der Anklamer Straße in Mitte, dann im Haus Schwarzenberg am Hackeschen Markt. Nun sind sie nach Oberschöneweide gezogen. Hier sollen die Monster bleiben – und können besichtigt werden, auf Anfrage, und nur von Gruppen. Und ausnahmsweise zum Tag des offenen Denkmals, nächstes Wochenende. Eine wohl einmalige Gelegenheit, wie Kinogänger seit dem Film „Die Monster AG“ wissen: Monster scheuen Menschen.

Was in den Käfigen von Schöneweide tobt, soll „Ausdruck und Projektionsfläche für menschliche Sehnsüchte und Ängste“ sein, wie Hannes Heiner erklärt. Was er meint, lässt sich beim Anblick der „Container-Muttis“ erahnen, zwei schrumpliger Gebärmaschinen in einer zugemüllten Stube mit einem hässlichen, zuckenden Baby darin.

Sie hausen gegenüber dem Drachen. In ihnen stecken hunderte Arbeitsstunden. Genau wie in der „Container Püppi“ nebenan, die mit dicker Lippe und scharfen Beißwerkzeugen ans Gitter gekrabbelt kommt und dabei ihre fußballgroßen Augen rollen lässt. Beinahe beruhigend wirkt dagegen der „Jaquemart“, die Monster-Spieluhr in der Mitte des düsteren Raumes: Oben auf einer strahlend weißen Wolke hockt blinzelnd eine Kreatur, krötenklebrig, obwohl aus Metall. Unten sitzt träge das Vierauge, bimmelt am Glöckchen und gibt den glotzenden Schädeln eins auf die Mütze. Dazu Musik aus dem Computer, die im Vergleich zu früheren Dead-Chickens-Produktionen „vom Noise her ein bisschen gesunken ist und mehr Songstruktur bekommen hat“, wie Hannes Heiner sagt.

Die Monster randalieren weiter, in einem Container speit die „Feuerkröte“ Flammen. Man geht zurück durch die schwarze Folienwand, nach vorn in die Werkstatt, wo es heller ist. Hier erwecken die Künstler weitere Monster zum Leben. Auf dem Schrank sitzen eine Sphinx und ein blechernes Küken, das sich aus seiner Eierschale pellt. Von hinten dröhnen die Bässe. Die Musik muss so laut sein, um die Maschinen zu übertönen, sagt Hannes Heiner. Denn hinter den Latexfratzen stecken Dutzende Gestänge und Pneumatikkolben, die den Monstern erst das Leben einhauchen. Bei der „Monster AG“ im Kino wird die Energie aus Kinderschreien gewonnen. Bei der Monster GbR in Schöneweide kommt sie aus Strom und Druckluft.

Die Agentur „Berlin 4D“ bietet Führungen durch Industrieviertel und Monsterwerkstatt an: 250 Euro für 20 Personen. Infos: www.berlin-4d.de, Telefon: 78006669. Öffnungszeiten zum Tag des offenen Denkmals (10./11. September): Sa. 12 bis 17 Uhr, So. 12 bis 16 Uhr.

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