Grenzerfahrung mit dem Rad : 7000 Kilometer Zonenrand

Erst Berlin, dann Europa: Der Grüne Michael Cramer hat per Fahrrad den Eisernen Vorhang gelüftet.

Stefan Jacobs
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Für die meisten Menschen ist Michael Cramer nur ein Berliner Grüner, den es nach Straßburg verschlagen hat. Für jene mehr als 60 Fans aber, die sich am Montag im Europäischen Haus Unter den Linden eingefunden haben, ist er der größte Radler der nördlichen Hemisphäre. Erst hat er den Mauerradweg initiiert, dann den deutsch-deutschen. Und nun den „Europa-Radweg Eiserner Vorhang“, der mit Mühe in drei lenkertaschentaugliche Bücher passt. Jetzt, rechtzeitig vor dem 20. Jahrestag des Mauerfalls, sind sie fertig – und wurden von Cramer gemeinsam mit dem früheren EU-Parlamentspräsidenten Hans-Gert Pöttering präsentiert.

Ganz oben in Lappland, wo die Orte Saariselä, Saarivaara und Sallatunturi heißen, ist ein Kollege von den finnischen Grünen eingesprungen und geradelt. Aber unten am Schwarzen Meer, wo Griechenland an die Türkei und an Bulgarien grenzt, da war Cramer selbst. Und mittendrin, in Deutschland, sowieso.

Dazwischen liegen 20 Länder und 7000 Kilometer, die sich beliebig verlängern lassen, wenn man Tipps aus den Büchern folgt wie diesem: „Von hier können Sie den Bus nach Helsinki nehmen. Oder sie fahren die 180 Kilometer lange Strecke mit dem Fahrrad.“

Sieben radelnde Helfer aus fünf Ländern hatte Cramer für die Tour. Zwischen Lappland und Schwarzem Meer liegen nicht nur viele Denkmäler, Teilungsmuseen und Stacheldrahtreste, sondern auch Geschichten wie die des Rostocker Kellners Paul Gompitz. Der träumt von Sizilien und sieht nicht ein, dass die DDR ihm die Reise dorthin verbieten will. Nach sieben Jahren Vorbereitungszeit segelt er mit einer Jolle von Hiddensee nach Dänemark und reist nach Italien.

Geschichten wie diese erzählt Cramer quasi im Vorbeiradeln. „Eine wunderbare Kombination aus geografischer, politischer und menschlicher Beschreibung unseres Kontinents“, sagt CDU-Mann Pöttering und freut sich mit Cramer über die schwarz-grüne Freundschaft, die hier offenkundig wird. Von seinen grünen FreundInnen wird Cramer ohnehin vorbehaltlos geliebt, seit sie mit ihm bei der Europawahl 23,6 Prozent einfuhren.

Cramer also erzählt, wie er 1961 – da war er zwölf – mit den Eltern an der Nordsee Urlaub machte und über den Zeitungstitel am Kiosk erschrak: „Mauerbau in Berlin – droht der Dritte Weltkrieg?“ Der Niedersachse Pöttering sagt, dass es der Anblick der Berliner Mauer im Jahr 1962 war, der ihn Politiker werden ließ. Früh reifte bei beiden die Erkenntnis, dass Menschen nicht eingesperrt gehören.

2005 wechselte der Verkehrspolitiker Cramer vom Abgeordnetenhaus ins Europaparlament. Seit 2006 gebe es bei der EU einen Haushaltstitel für den Riesenradweg, sagt er. 2009 standen 300 000 Euro bereit, 2010 schon 600 000, weil der pädagogische und touristische Erfolg in den strukturschwachen Orten entlang der Route so überragend sei. Dafür gibt’s Szenenapplaus von den Fans. Demnächst soll die Route beschildert werden. Nur die An- und Abreise mit dem Zug bleibt schwierig: Eine Vorgabe des EU-Parlaments zur Fahrradmitnahme in Zügen sei auf Betreiben der Deutschen Bahn aufgeweicht worden, sagt Cramer. Aber er lächelt dabei. Weil solcher Ärger klein ist im Vergleich zur großen Geschichte vom vereinten Europa seit 1989.

„Europa-Radweg Eiserner Vorhang“ (3 Bände), Esterbauer-Verlag, € 13,90 bis € 15,90. Internet: www.ironcurtaintrail.eu

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