Berlin : Groß werden mit Kleinkunst

100 Tage nach dem Ende der Ära Moessinger stellen die Nachfolger ihr Konzept fürs Tempodrom vor

Lars von Törne

Die neue Führung der Tempodrom-Veranstaltungsgesellschaft will das Haus am Anhalter Bahnhof zu einem festen Forum für die Berliner Kleinkunst machen. Unter dem Arbeitstitel „Kunst aus dem Tempodrom“ wollen der neue Geschäftsführer der Tempodrom GmbH, Stephan Gerhard, und der neue Manager des Veranstaltungsgeschäfts, Thomas M. Gross, die kleine Arena des Veranstaltungshauses als Bühne für Theatergruppen, Musiker, bildende Künstler, Schriftsteller oder Kochkünstler etablieren. Das kündigte Manager Gross in einem Gespräch anlässlich der Übernahme des Hauses vor rund 100 Tagen an.

Den Anfang soll im Januar die szenische Lesung eines „Drei-Fragezeichen“- Abenteuers machen, danach schweben den neuen Machern Kunsthappenings und ambitionierte Eigenveranstaltungen vor. „Wir wollen das Publikum überzeugen, dass das Tempodrom lebt und keine subventionierte Bauruine ist, sondern ein offenes Haus“, sagt Gross. Vor gut drei Monaten war die Münchner Unternehmensgesellschaft Treugast, deren Geschäftsführer Stephan Gerhard ist, in das Veranstaltungsgeschäft eingestiegen. Treugast betreute in Berlin mehrere Unternehmen und betrieb hier zwei Hotels. Zuvor hatten die Tempodrom-Gründer Irene Moessinger und Norbert Waehl infolge des überteuerten Bauprojekts Insolvenz angemeldet und sich im Juli unfreiwillig aus dem Geschäft zurückgezogen.

Die neuen Chefs setzen auf eine Mischung aus Kontinuität und Neuanfang. So führen sie die Gastspiele namhafter Musiker und Shows wie „Holiday on Ice“ oder Roncalli in der großen Tempodrom-Arena fort, die das Hauptgeschäft ihrer Vorgänger ausgemacht haben – fast 150 Veranstaltungen sind laut Geschäftsführung für das kommende Jahr gebucht. Daneben wollen sie die bislang wenig genutzte kleine Arena als Imageträger ausbauen – auch, um die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass das zum Politikum gewordene Haus in erster Linie ein Kultur- und Veranstaltungszentrum ist.

Auch personell haben die neuen Chefs einen Neuanfang gemacht. Von den einst 16 festangestellten Mitarbeitern des Moessinger-Teams haben nur drei den Wechsel mitgemacht, so Gerhard. Neun Mitarbeiter kamen hinzu, die Führung übernahm der Hamburger Veranstaltungsmanager Thomas M. Gross. Das alte Moessinger-Büro gegenüber dem Tempodrom wurde gekündigt, Gross und sein Team arbeiten jetzt kostensparend in Büros gleich neben der Bühne. Zusätzlich zur Kultur setzt das neue Team stärker auf Sonderveranstaltungen wie Galas, auf Veranstaltungspakete in Zusammenarbeit mit Hotels, vor allem aber auf Kongresse und Firmenveranstaltungen. Dafür wirbt das Tempodrom- Team jetzt auf Fachmessen und spricht potenzielle Kunden an, sagt Gross.

Die Tempodrom-Chefs sind optimistisch, dass dem Haus mit der Neuausrichtung nach der Insolvenz wirtschaftlich gute Zeiten bevorstehen. Noch ist allerdings unklar, wie die Zukunft der äußeren Hülle des Veranstaltungsgeschäfts, also des Gebäudes aussieht. Dafür sucht Insolvenzverwalter Udo Feser nach wie vor erfolglos nach einem Investor. Der soll möglichst viel für das Gebäude bezahlen, das einst knapp 33 Millionen Euro gekostet hat, um wenigstens einen Teil der Baukosten wieder reinzubekommen.

Von dem Kaufpreis wird abhängen, wie viel das Land Berlin von seiner Bankbürgschaft wiedersieht, die es dem Projekt einst für einen 12,7-Millionen-Euro- Kredit gegeben hatte. Theoretisch könnte sich auch Treugast-Geschäftsführer Gerhardt vorstellen, das Haus zu kaufen. „Das wäre eine Option, aber wir haben bislang kein Kaufgebot gemacht.“ Noch lieber wäre es den Veranstaltern aber, wenn sich ein anderer Investor fände, der das Haus übernimmt und das jetzige Tempodrom-Team weiter das Veranstaltungsgeschäft betreiben lässt.

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