Großbritannien : Den Schrecken zum Guten wenden

Berlin kann das – sagt der britische Kollege.

Mark Espiner
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Foto: Thilo Rückeis

Was hat es nur auf sich mit dieser neuen Mode, dem wetteifernden Hauptstadt- Sloganeering? War Berlin schlicht eifersüchtig, dass London sich seit einiger Zeit als LondON vermarktet (LondAN in direkter Übersetzung, denke ich)? Oder wollte Berlin es mit New Yorks ikonografischem Slogan „I ,Herz’ New York“ aufnehmen und in den nächsten Jahren ein kleineres Vermögen mit T-Shirts machen? „Be Berlin“ heißt es also jetzt. Um fair zu sein, mit all dem zurückliegenden Jahrestags-Wiedervereinigungs-Tamtam hat Berlin ein Schlagwort verdient. Und es verrät etwas über diese Stadt, dass „Sei Berlin“ tatsächlich besser in der Übersetzung funktioniert als im deutschen Original. Ich weiß, dass viele Deutsche es peinlich finden, wenn in ihrem Land inzwischen so vieles auf Englisch ausgedrückt wird. Aber meiner Meinung nach klingt nun einmal „Be Berlin“ auf Englisch – wobei die beiden ersten Buchstaben der Stadt wiederholt, zum Verb umgeformt und in Abfolge verwendet werden – viel besser als „Sei Berlin“.

Und das passt zu Berlin. Wenn man mit Leuten außerhalb Deutschlands spricht, sind sie meist ziemlich scharf darauf, Berlin zu besuchen, jedoch nicht unbedingt den Rest des Landes. München und Hamburg mögen auch ihre Attraktionen haben, aber Berlin, so wie New York, hat etwas Besonderes. Es präsentiert sich seinem internationalen Publikum mit kultureller Attitüde und ganz selbstverständlicher Darstellung.

O.k., in der Vergangenheit, vor 70 Jahren, entgleiste Berlins „internationale Darstellung“, als es versuchte, seine Ideen in ein weniger williges Polen zu exportieren. Und wenn man 1980 jemandem „Be Berlin“ gesagt hätte, dann wären diejenigen womöglich Spitzel oder Punks geworden. Aber jetzt, 2010, bedeutet „Be Berlin“ etwas ganz anderes als Untertan oder Anarchist zu sein.

Diese Kampagne erscheint wie ein Versuch, auf den mächtigen Ereignissen, die 1989 die Welt veränderten, aufzubauen. Sie vermittelt eine alles umfassende – „das können wir“ –, mauerniederreißende Einstellung, die Teilung und Kontrolle abstreift und einen bittet, an dieser Stimmung teilzuhaben. Aber wollen die Berliner das wirklich? Ich lebe seit Kurzem in Berlin und kenne bereits ein paar Beispiele Berliner Gastfreundlichkeit. Versteinerte Gesichter, wenn man einfach nur „Hallo“ sagt. Professionelles Vordrängeln in der Schlange. Eine fast panzerartige Führung des Einkaufswagens, bei der umgemäht wird, wer zu lange vor dem Milchkühlregal stehen bleibt. Es gibt ohne Zweifel so manche fest verwurzelte Vor-89-Haltung hier, die dem Fortschritt im Weg steht und die wirklich nicht so exportgeeignet ist. Ich würde nicht „Be Berlin“ sein wollen, wenn das hieße, dass ich dieses Verhalten übernehmen müsste.

Aber generell scheint Berlin ein freier und offener Platz zu sein. Ob man bis in die Morgenstunden Party macht oder seinem wie auch immer gearteten Geschmack folgt – diese Stadt verurteilt einen nicht, solange man niemandem wehtut. Das ist eine gute Art zu leben.

Aber dann, wenn man auf die Gehwege tritt, überraschen einen Zeitzeichen vergangenen Hasses. Nazi- und Stasizeit treten hervor, mitten ins liberale Lebensgefühl. Hier war die Bücherverbrennung, dort der Todesstreifen. Juden wohnten hier, bis sie ermordet wurden – so zeigen kleine bronzene Tafeln auf dem Gehweg. Das ist schwer zu ertragen, aber es ist nun mal die Wahrheit. Sie ist in Berlin nicht verborgen. Und das ist es auch, was „Be Berlin“ für mich bedeutet: Sich am populären, freien Zeitgeist zu erfreuen, aber auch eine erschreckende Vergangenheit anzuerkennen, die ultimativ zum Guten gewendet werden kann, indem man zusammen in die Zukunft schreitet und sich ihr stellt. Der Anblick von Hunderten von Berlinern, die eine Trennungslinie aus Beton niederreißen – eines der stärksten und inspirierendsten Bilder überhaupt – hat dies bewiesen.

Mark Espiner kommt aus London, lebt jetzt in Berlin und schreibt unter anderem für die britische Zeitung „The Guardian“ und den Tagesspiegel.

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