Berlin : Große Differenzen in der großen Koalition

Platzeck lässt sich für SPD-Ergebnis feiern, Schönbohm rät von SPD-CDU-Bündnis im Bund ab

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Mit ernster Miene reagiert SPD-Landesgeschäftsführer Klaus Ness auf die erste Prognose, die gerade über die Großbildleinwand im Thalia-Filmtheater verkündet wird: 37 Prozent für die SPD, 39 Prozent für die CDU. Ein Absturz. Nur als die miesen FDP-Zahlen genannt werden, klatschen die rund 250 Genossen. „Rot-Grün ist noch nicht verloren“, macht man sich Mut. Rainer Speer, Platzecks Staatskanzlei-Chef und Berater, pafft nachdenklich seine Zigarre: Rot-Grün könne auch mit knapper Mehrheit regieren. Es sei aber auch eine große Koalition denkbar, „wenn die Zahlen so stehen bleiben“. Auch Ministerpräsident Matthias Platzeck stellt sich im ORB-Wahlstudio in der Brandenburger Landesvertretung in Berlin schnell auf die neue Situaton ein: Kanzler Schröder müsse Nervenstärke bewahren, noch sei alles offen, aber auch eine große Koalition wäre keine „nationale Katastrophe“. Und einschränkend: „Wenn es keine andere Möglichkeit gibt.“ Brandenburg zeige, dass eine große Koalition funktionieren könne. Mancher Genosse denkt bei diesen Worten an Ex-Regierungschef Manfred Stolpe, der schon vor Monaten laut über eine große Koalition nachdachte – und damals von Platzeck und Schröder kritisiert wurde.

Das rustikale Buffet mit kleinen Buletten und Mini-Schnitzeln will den meisten Genossen nicht so recht schmecken in diesem Wechselbad der Gefühle. Mal liegt Rot-Grün vorn, mal Schwarz-Gelb, mal ein Patt, dann hängt alles von den Überhangmandaten ab.

Die Stimmung bessert sich, als die Brandenburger Ergebnisse bekannt werden: Fast 47 Prozent, ein Plus von über drei Prozent gegenüber der letzten Bundestagswahl: „An uns hat es nicht gelegen“, kommentiert Fraktionschef Gunter Fritsch. Und: Die SPD sei in Brandenburg wieder auf dem Weg zur absoluten Mehrheit: „Unser Kurs ist richtig.“

Vize-Regierungschef Jörg Schönbohm äußert sich in einer ersten Stellungnahme eher ablehnend zu einer großen Koalition. „Wer die Mehrheit hat, muss die Regierung bilden, selbst wenn es knapp ist“, so die klare Aussage des Innenministers und CDU-Landeschefs. Schönbohm, dem Chancen eingeräumt wurden, von einem künftigen Kanzler Stoiber als Verteidigungsminister ins Bundeskabinett berufen zu werden, hatte wenige Tage vor der Wahl klargestellt: „In eine große Koalition mit Gerhard Schröder würde ich nicht eintreten.“ Während Schönbohm mit Platzeck in Berlin vor den ORB-Kameras steht, philosophieren rund 50 Getreue in der CDU-Landeszentrale in der Heinrich-Mann-Allee unter bunten Luftballons über diese Zitter-Wahl und ihre Konsequenzen. Neben dem Fernseher hängt ein Wahlplakat: „…und im Herbst kommt Hoch Edmund.“

Doch so sonderlich stark ist das Hoch nicht, auch wenn CDU-Fraktionschefin Beate Blechinger, Generalsekretär Thomas Lunacek und die anderen zunächst jubelten. Aber schnell legte sich Enttäuschung über die Gesichter: „Das FDP-Ergebnis hat mit Möllemann zu tun“, kommentiert Fraktionschefin Beate Blechinger. Stimmung will bei den Christdemokraten nicht aufkommen, obwohl die Union stärkste Fraktion geworden ist. Um 22 Uhr gehen die Lichter aus. Zur gleichen Zeit trifft Platzeck im Thalia-Theater ein – und wird begeistert begrüßt. „Brandenburg hat seinen Beitrag geleistet, dass Schröder Kanzler bleibt“, ruft Platzeck in die johlende Menge. Dann steigt Rainer Speer auf die Bühne und spielt auf der Mundharmonika. M.Mara/T.Metzner

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