Berlin : Große Liebe und selbst gebackener Kuchen

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Vom Kirsten Wenzel

Manche Menschen bestaunen Roland Müller und Franz-Josef Flashar wie den 15 Jahre alten Hibiskusbaum neben dem asiatischen Hochbett im Schlafzimmer. Die Pflanze war mal 30 Zentimeter groß und reicht jetzt bis zur Decke. Roland und Franz-Josef sind seit 22 Jahren ein Paar. Seit 17 Jahren leben sie in derselben Wohnung am Chamissoplatz. Zweimal sind sie für ein halbes Jahr auf Weltreise gegangen, „erst links um den Globus, dann rechtsrum". So lernten sie sich gut kennen und nehmen, auch in ihren Gegensätzen: Roland die Flugangst von Franz-Josef und der Rolands Horror vor dem Ankommen im Unbekannten: dem ersten Geldtauschen, der ersten Taxifahrt.

Für sie ist das fast das ganze Geheimnis ihres Beziehungswunders. Wenn es Probleme gibt, reden sie miteinander. Punkt. Franz-Josef kann das besonders gut, er macht gerade eine Ausbildung zum Paartherapeuten. Den Donnerstagabend halten sie sich füreinander frei, keine Arbeit, keine Verabredungen mit anderen, keine langen Telefonate. Früher hasste Roland bürgerliche Rituale wie Weihnachten, übernahm am liebsten Extraschichten im Krankenhaus, heute feiern sie gemeinsam mit Freunden in Berlin und lieben die Familienfeste bei Franz-Josefs Eltern im sauerländischen Meschede. Dort gibt es auch heute noch keine Schwulen, offiziell.

Ihr Freundeskreis ist ihnen heilig, ein soziales Netz, an dem besonders Roland emsig strickt. Zwei aidskranke Freunde haben sie mit anderen bis zum Tode gepflegt. Seit dieser Zeit ist das Geburtstagsfeiern Pflicht, überhaupt jedes Ereignis, das Erinnerungen stiftet. Auch den Tag, als sie im Januar vor 22 Jahren im „Slumberland“ beschlossen, ein Paar zu sein, wollen sie bald mit einem großen Fest feiern, jedoch ohne staatlichen Segen. Als sie sich 1980 kennen lernten, galt eine feste Beziehung fast als skurril, erinnert sich Roland. Man hatte Liebschaften und war links, das galt als progressiv. Roland diskutierte in Männer-WGs als „Alibi-Schwuler“ mit den Heteros über Frauenfeindlichkeit und Atomkraft. In das erste gemeinsame Zuhause zog er pro forma mit einer Freundin, dann die schnelle Trennung und Franz-Josef stand vor der Tür. So mietete man damals als schwules Paar eine Wohnung.

Heterosexuelle Männer fehlen in ihrem Freundeskreis. Nur manchmal bringt die eine oder andere Freundin einen neuen Partner mit. Das hat sich so ergeben, sagt Franz-Josef. Das war eine bewusste Entscheidung, sagt Roland, die reichen mir beim Arzt, beim Einkaufen, beim Busfahren. Seit der Zeit in der Männer-WG ist er müde geworden, sich immer wieder von neuem erklären zu müssen. „Ich genieße das Leben auf der schwulen Insel“, sagt Roland, „solange ich es freiwillig tue und nicht eingesperrt bin, ist das auch kein Ghetto". Wenn Berlin nur aus Kreuzberg, Mitte, Schöneberg bestehen würde, sagt Franz-Josef, könnte man meinen, diese Insel nähme heute viel Raum ein in dieser Stadt. Doch die andere Welt beginnt jenseits vom Hermannplatz. Da müsste der Christopher Street Day eigentlich gefeiert werden, findet er, oder in Prenzlau.

Im Winter war jede Woche das Schaufenster des schwulen Buchladens „Prinz Eisenherz“, in dem Roland arbeitet, mit Eiern und Kot beschmiert. Es wäre doch schön, sagt er, wenn auch so etwas irgendwann Vergangenheit wäre.

Halina Bendkowski lebt seit einem Jahr in „registrierter Partnerschaft". Sie und ihre Gefährtin haben sich gesetzlich verbunden, trotzdem möchte sie nicht mit aufs Foto. Man muss ausholen, um das zu erklären.

Halina Bendkowski ist eine öffentliche Frau, immer in vorderster Front, ein wenig dramatisch, eloquent. Sie konzipiert und moderiert Konferenzen, besuchte Talkshows, erfindet sich originelle Berufsbezeichnungen wie „Agentin für Geschlechterdemokratie“ und „feministische Männer- und Aktionsforscherin". „Kennen Sie diese Umfrage?“, fragt sie. „1998 fanden 34 Prozent der 12- bis 17-Jährigen ,Schwule und Lesben überhaupt nicht gut’. Dieses Jahr sind es 61 Prozent.“

Halina Bendkowski ist besorgt. Was hat sich da geändert, zwischen 1998 und 2002? Sie lebt seit sie politisch aktiv ist als Lesbe und Feministin. Es ist ihr Beruf geworden. Ihre Gefährtin ist in der Öffentlichkeit eine eher zurückhaltende Frau. Sie schreibt Theaterstücke. Sie hat jahrelang in der Halblegalität gelebt, die Liebe zu einer deutschen Frau war bis zum 1. August letzten Jahres kein Grund für eine Aufenthaltserlaubnis. Die Gefährtin ist US-Amerikanerin, Jüdin, Halina Bendkowski Halbjüdin. Bei dem Wort „registrierte Partnerschaft“ zucken beide zusammen, aus alter Gewohnheit. Wer weiß, sagt Halina Bendkowski, wie schnell sich die Zeiten einmal ändern können.

Natürlich, sagt sie, haben sie letztes Jahr trotzdem dankbar zu der Möglichkeit gegriffen, ihr Zusammenleben zu legalisieren. „Wissen Sie, was das für ein Glück ist zu wissen, dass sie endlich in einer Krankenkasse ist?“ Beide haben sich auf einer Friedenskonferenz zum Golfkrieg kennen gelernt, 1991 in New York. Ziemlich schnell war klar, das ist keine Affäre. Komm doch her, sagte Halina Bendkowski, als sie wieder in ihrem Büro in Berlin saß. Und die Geliebte reiste an, im Gepäck ihre zwei Katzen, Tiddles und Peeper. Und Halina Bendkowski vergaß, dass sie eigentlich Angst vor Katzen hatte. Es wurde die große aber schwierige Liebe. Weder in Deutschland noch in Amerika durften die beiden dauerhaft zusammen sein. Also pendelten sie, Tiddles und Peeper ebenfalls. Und kamen nirgendwo richtig an. Das wurde ein Problem, vor allem ein ökonomisches.

Jetzt, wo die erste große Hürde genommen ist, möchte Halinas Gefährtin sich eine Existenz aufbauen. Vom Schreiben leben. Sie fühlt sich noch unsicher in Deutschland, die fremde Sprache, die andere Kultur. Der Druck eines dreifachen Labels: Jüdin, Feministin und Lesbe, das ist ihr „too much". Zumindest jetzt. Eine andere würde damit vielleicht offensiv umgehen, eine Marke daraus kreieren. Halina Bendkowski würde es tun. Aber ihre Gefährtin ist ein anderer Mensch, deshalb liebt sie sie. Und auch die Entscheidung der Gefährtin, im Hintergrund zu bleiben, lieber nicht mit aufs Foto zu kommen, ist ein Akt der Selbstbestimmung. Genauso wie ihr Schritt in die Öffentlichkeit.

Wenn wir beide hetero wären, hätten wir längst Kinder, sagt Arne. Familienmenschen eben. Arne Grimm und Alex Bolaños wohnen zusammen in Prenzlauer Berg, vor einem Jahr sind sie aus Köln nach Berlin gezogen. Eine Wand in ihrer Altbauwohnung haben sie rubinrot angemalt, wie die Hintergrundfarbe in einer Gemäldegalerie. Schlittenhund Sami lässt sich auf das Parkett plumpsen. Sami hat hellblaue Augen und kann heulen wie ein Wolf. Sami ist eifersüchtig, erklärt Alex, er braucht viel Liebe, er kommt aus dem Tierheim. Ja, das kannst du ruhig schreiben, sagt Arne: der Hund als Kompensation eines unerfüllten Kinderwunsches. Warum auch nicht. Wir wissen selbst, dass er kein Kind ist.

Seit diesem Jahr sind sie Paten für zwei Söhne eines Freundes in Dresden. Zu denen wollen sie so oft fahren, wie es geht. Ob sie ein Kind adoptieren würden, wenn es leichter wäre? Schulterzucken. Sie haben sich das Leben jetzt so eingerichtet: mit Sami und viel Konzentration auf den Beruf. Arne arbeitet als Politikberater, reist durch Osteuropa und coacht Nachwuchspolitiker, Alex volontiert in einem Schulbuchverlag. Traumjobs für beide. Schwul in der Politik, das sei kein Problem mehr, sagt Arne. Schwule haben ein gutes Image: flexibel, gebildet, kreativ.

Offen schwul zu sein, das bedeutet für ihn nicht, es auf die Visitenkarte zu schreiben. „Ich habe nichts zu verstecken. Aber ein Privatleben, in das ich nur die Menschen hineinschauen lasse, die ich mag". Viele Freunde von Alex und Arne kommen aus der Politik - die meisten sind Heteros. Wir kennen interessante Leute, sagt Alex, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.

Mit den Freunden gehen sie aus in Prenzlauer Berg. Sie trinken, rauchen, feiern und erzählen sich politisch unkorrekte Witze. Es ist den beiden wichtig, dass auch ihre Laster erwähnt werden. Vielleicht, weil einige Freunde sie liebevoll aufziehen, mit ihrem Sinn für das Familiäre, ihrem Glauben an die Treue und die Zweierbeziehung, mit dem selbst gebackenen Kuchen, den Fernsehabenden und dem Plan, ein Ferienhaus zu bauen.

Nächstes Jahr im Sommer wollen Arne und Alex sich „verpartnern". Die ganze Familie von Alex soll dafür aus Costa Rica eingeflogen werden. Am liebsten wäre ihnen eine richtig traditionelle Hochzeit, inklusive evangelischer Trauung in der Köpenicker Schlosskirche. Das sei in seiner Familie Tradition, sagt Arne. Noch sträubt sich der Bischof, eine schwule Hochzeit in der Kirche, das hat es in Berlin-Brandenburg noch nicht gegeben. Arne, der begabte Politiker, ist zuversichtlich, dass der Bischof bis nächstes Jahr seine Haltung überdenkt. „Es muss ja nicht die ganze Prozedur sein“, baut er die Brücke zum Kompromiss, „ein ordentlicher Segen würde uns schon genügen." Egal, ob ihre Freunde sie damit necken werden oder nicht: Schlittenhund Sami wird an diesem Tag feierlich heulen. Und die Patenkinder aus Dresden werden Blumen streuen.

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