Berlin : Großer Auftritt für Kleindarsteller

Der Satz „Und was möchten Sie trinken?“ kann schon der Karriere-Höhepunkt sein. Als Komparse bringt man es selten zu Ruhm. Doch kein Film kommt ohne Statisten aus – auch nicht „In 80 Tagen um die Welt“, der in Berlin und Potsdam gedreht wird

Ben Belling

„Ton läuft, Kamera ab – und bitte." Kaum hat der Regisseur das letzte Wort gesprochen, verwandelt sich das ehrwürdige Café Moskau in eine jamaikanische Dancehall. Eben noch war der Saal erfüllt von wuseligem Stimmengewirr, jetzt dröhnen Bässe aus den Boxen, und etwa sechzig Menschen toben und tanzen herum, als wären sie seit Stunden in Extase.

Hier wird gerade ein Videoclip gedreht, „Dickes B" von der Berliner Band Seeed, und die sechzig Tänzer sind allesamt Komparsen. Ohne sie kommt kein Regisseur aus, und seit immer mehr Filme in und um Berlin gedreht werden, wächst auch hier die Nachfrage. Allein für die Dreharbeiten zum Jules-Verne-Klassiker „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jacki Chan, Sylvester Stallone und Drew Barrymore werden in Babelsberg gerade sechstausend Kleindarsteller gesucht.

Die meisten Komparsen werden von speziellen Agenturen vermittelt, die im Kleinanzeigenteil von Stadtmagazinen und Zeitungen annoncieren. Doch nicht alle sind seriös; schon mancher hoffnungsfrohe Nachwuchskomparse ist hier Geld losgeworden, anstatt welches zu verdienen oder auch nur in die Nähe eines Drehteams zu kommen. So ist ein Kennzeichen einer seriösen Agentur, dass der künftige Statist keine Gebühren zu zahlen hat - und das aus einem guten Grund: „Die Agenturen werden von den Produktionsfirmen bezahlt", sagt Marcus Logis, Produktionsmanager von Filmen wie „Enemy at the Gates". Allenfalls zehn Euro für Fotos oder Videos könnten fällig werden.

Seriöse Agenturen legen von ihren Komparsen so genannte Setcards an. Darauf finden sich alle Angaben zur Person und eventuelle besondere Fähigkeiten, also ob einer Musiker ist oder Tänzer. Die wichtigste Fähigkeit eines Komparsen ist allerdings Geduld. Ein normaler Drehtag dauert zehn Stunden, und er besteht für den Komparsen hauptsächlich aus Warten. „Die meiste Zeit verbringt man Kaffee trinkend im Aufenthaltsraum", sagt Nikolaus Jeschke, der schon bei Serien wie „GZSZ", „Berlin, Berlin" und „Für alle Fälle Stefanie" mitgewirkt hat. Aufregend wird es trotzdem zwischendurch immer mal wieder. „Beim Videodreh von U2“, erzählt Jeschke, „ saß auf einmal Bono neben mir." 24 Stunden war Jeschke bei diesem Dreh insgesamt am Set, und nicht nur wegen des Treffens mit Bono hat sich das gelohnt.

Seriöse Agenturen kann man auch an den Tagespauschalen erkennen. Die Agentur von Iris Müller, eine der renommiertesten und größten in Deutschland, zahlt sechzig Euro pro Drehtag; Überstunden, Sonntags- und Nachtdrehs werden extra vergütet. „Gebraucht wird irgendwann eigentlich jeder", sagt Agenturchefin Müller. In ihrer Kartei finden sich Studenten, Arbeitslose, Rentner und Hausfrauen, „aber auch ein paar erfolgreiche Rechtsanwälte, die einfach mal ein bisschen Abwechslung wollen."

Vor allem für internationale Spielfilme vermittelt Müllers Agentur Kleindarsteller. Wer sich allerdings vom Komparsenjob den direkten Aufstieg zum Filmstar erhofft, ist hier falsch. Komparsen gehen meist in der Masse unter, Produzenten und Regisseure besetzen echte Rollen fast immer mit ausgebildeten Profis. So gilt es schon als besonderes Ereignis, wenn ein Komparse irgendwann einmal eine Sprechrolle zugewiesen bekommt, und sei sie auch noch so kurz. So kann der Satz „Und was möchten Sie trinken?" in einer Nachmittagssoap schon der Höhepunkt einer Komparsenkarriere sein.

Wer sich für einen Komparsenjob beim Film „In 80 Tagen um die Welt" interessiert, braucht nicht einmal eine Agentur, sondern kann sich gleich im Filmstudio Babelsberg vorstellen. Das Casting ist am 29. und 30. März zwischen 10 und 18 Uhr in der August-Bebel-Straße 26-53, Haus 5. Besonders gefragt sind Männer mit Bärten, Frauen mit Naturhaarfarbe, Asiaten, Türken und Inder.

Agenturen im Internet:

www.agenturirismueller.de

www.agentur-wanted.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar