Berlin : Großer Stern, große Chance

Arbeitssuche an der Siegessäule: Grit Giebelhausen verteilte Postkarten an Autofahrer und fand dadurch einen neuen Job

Volker Eckert

Die Bewerbung von Grit Giebelhausen sah eigentlich nicht besonders aus: kaum größer als eine Postkarte, vorn ein kleines Schwarzweißfoto, kurzes Anschreiben auf der Rückseite. Das Besondere war, dass Grit Giebelhausen sich damit morgens im Berufsverkehr an den Großen Stern stellte und 1000 Exemplare an Autofahrer verteilte. Vorher hatte die 35-jährige PR für eine Venture-Capital-Firma gemacht. Bis zur betriebsbedingten Kündigung.

Grit Giebelhausen gönnte sich keine Pause, fing gleich an, Zeitungen und Internet nach Stellenanzeigen zu durchsuchen. Ein paar Mal wurde sie eingeladen, aber da waren dann immer noch ein paar hundert Mitbewerber. Dann hörte sie im Radio von einem Arbeitslosen in Hamburg, der eine Werbefläche für 3000 Euro gemietet hatte. Ihr Freund sagte: Das geht auch billiger. Sie sagte: Großer Stern. Der Druck kostete sie 60 Euro.

Früh um 8 Uhr stand sie dort mit ihrem Freund. Zu der Zeit, so das Kalkül, würden die Entscheidungsträger auf dem Weg zur Arbeit hier vorbeirollen. Zu der Zeit hatte sich aber auch der Nachtfrost noch nicht verzogen. Ihr Freund trug Jackett, sie hatte einen Hosenanzug angezogen. Ob sie sich das Feld mit Zeitungsverkäufern und Fensterputzern würde teilen müssen, hatte Grit Giebelhausen sich vorher gefragt, ein bisschen unsicher war sie anfangs.

Die Autofahrer guckten zuerst auch grimmig, aber als sie das Foto sahen und verstanden, worum es ging, wurden die meisten freundlich und interessierten sich. Auf der Vorderseite der Karte hat sie geschrieben: „Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen“, auf der Rückseite beschrieb sie ihre berufliche Qualifikation. Am nächsten Morgen waren alle 1000 Karten weg, ab dem Nachmittag hörte das Handy nicht mehr auf zu klingeln. Das ging ein paar Wochen so weiter. Viele riefen an, um ihr zu sagen, wie toll sie die Idee fanden, viele boten ihr einen Job an.

Ungefähr 15 Einladungen zu Vorstellungsgesprächen hat Grit Giebelhausen angenommen, am Ende hatte sie die Wahl zwischen mehreren Angeboten. Seit anderthalb Wochen arbeitet sie wieder. In der engeren Auswahl war auch eine Marketingfirma gewesen. Der Chef hatte Grit Giebelhausen angerufen und gesagt, er melde sich wegen der Scheibenwischeraktion. Grit Giebelhausen hatte erst nicht verstanden, was er wollte. Wie sich herausstellte, hatte ihm jemand die Bewerbung unter den Scheibenwischer seines Cabrios geklemmt. Der Wagen stand in Britz.

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