Berlin : Grüner wird’s nicht

Kreuzberg ist die Berliner Hochburg der Ökopartei. Die Wähler bleiben ihr treu wie dem Fahrrad Daran können auch liberale Ideen für die Wirtschaftspolitik nichts ändern

Ariane Bemmer

Dass man seinen Kaffee draußen trinkt, egal, wie das Wetter ist, ist ein Berliner Naturgesetz, ein zweites ist: Kreuzberg wählt Grün, komme, was da wolle.

Bei Sonnenschein ist in den Gärten der Restaurants am Marheinekeplatz denn auch viel los, in der Bergmannstraße desgleichen – und in der nahen Reinhardswaldschule gaben bis zu 45 Prozent der Wahlberechtigten am vergangenen Sonntag ihre Stimme den Grünen. Hier gewann Heidi Kosche ihr Direktmandat. Obwohl sie zum ersten Mal überhaupt kandidierte. Heidi Kosche ist seit vielen Jahren in der Partei aktiv, lebt seit den 70er Jahren in Kreuzberg, zog ihre Tochter im Schatten des Wasserturms auf. Sie nennt Kreuzberg einen Mythos. Eine Gegend, die vor allem gekennzeichnet sei von einer großen Toleranz der Menschen untereinander. Jeder ziehe sich an, wie es ihm gerade passt, jeder lebe, wie es ihm gefällt. Wer so was möge, sei den Grünen tendenziell schon sehr nah. Die Masse der Grünen-Wähler hier bescherte vor einem Jahr Hans-Christian Ströbele das Direktmandat für den Bundestag. Der notorische Radfahrer bekam 43,2 Prozent der Kreuzberger Stimmen.

Für den Parteienforscher Richard Stöss ist das grüne Kreuzberg denn auch eher ein alter Hut. „Die Grünen haben dort ihr klassisches Milieu“, Stichworte: Öko, Multikulti und eine „gewisse Distanz gegenüber denen da oben“. Viele Alternative, die in den 80er Jahren zur Hausbesetzerszene gehörten und die Grünen seit ihrer damaligen Gründung als AL mitverfolgten, lebten immer noch dort und seien der Partei treu geblieben – auch über unpopuläre Entscheidungen (Kosovo-Einsatz) hinweg. Stöss nennte es eine Leistung, dass die Grünen mit ihren liberalen Wirtschaftsideen neue Wähler gefunden haben, ohne die alten zu verprellen.

Eine große Parteitreue sieht auch der Grüne Özcan Mutlu, dessen Wahlkreis 3 sich bis nach Friedrichshain erstreckt. Dass die Grünen auch dort gut abschnitten, sei Zuzüglern und Studenten zu verdanken, die in der Ausgeh-Gegend um die Simon-Dach-Straße wohnen. Als nachwachsende Wähler im Altbezirk sieht Mutlu auch die Kinder der Hausbesetzer von damals, die heute 16 oder 18 Jahre alt sind. Außerdem habe der Baustadtrat Franz Schulz, der voraussichtlich Bezirksbürgermeister wird, gute Arbeit geleistet, sich gegen Mietsteigerungen und für Grünflächen eingesetzt. Eine dritte Grünen-Klientel seien die Neukreuzberger, die sich ganz bewusst für diese Szene entschieden hätten, die von den Alternativen geprägt wurde, und die sie deshalb nun auch wählen. So sieht das auch Erika Hausotter vom Quartiersmanagement im Wrangelkiez. Einen erheblichen Bevölkerungsaustausch habe man dort in den vergangenen Jahren nicht beobachtet, trotz der vielen Lokale und Firmen, die sich an der Spree angesiedelt haben. Die 21-jährige Clara Herrmann, die aus dieser Gegend als jüngste Abgeordnete ins neue Parlament einzieht, sagt, es sei im Wahlkampf sehr oft auch um Hartz IV und soziale Fragen gegangen.

Dass die Grünen in Kreuzberg immer bürgerlicher würden, wird allgemein verneint. Es gebe zwar rund um den Chamissoplatz verhältnismäßig viel Wohlstand, aber die Lust am Alternativen sei auch dort weiter deutlich spürbar. Oder, wie es Parteienforscher Stöss sagt: Kreuzberg ist noch immer eher Fahrrad als Auto.

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