GRÜNES Rathaus (4) : Künast-Kolumne: Renato Kunasto

Was hätte Renate Künast als Regierende zu erzählen? Stefan Stuckmann erfindet ihre Briefe an die Wähler.

Stefan Stuckmann

Liebe Berlinerinnen, liebe Berliner,

ich kann kaum noch schlafen vor lauter Lärm. Erst hat gegenüber ein neues Hostel aufgemacht, dann wurde unter mir ein Laden für Bubble-Tea eröffnet, und jetzt hat auch noch mein Nachbar seine 120 Quadratmeter Altbau in eine Ferienwohnung umgewandelt. Es ist die Hölle. Da muss man was machen! Doch als Regierende Bürgermeisterin ist es meine Aufgabe, Probleme stets auch aus Perspektive der betroffenen Minderheit zu betrachten. Deshalb habe ich beschlossen, mich als Touristin verkleidet ins Nachtleben zu stürzen. Bei wem ruft man an, wenn man von einer anerkannten Schauspielkraft Tipps für die perfekte Darbietung braucht? Bei Til Schweiger. Leider ist seine Tochter auf Klassenfahrt und hat deshalb keine Zeit für mich. Zweiter Favorit ist mein Kollege Christopher Lauer von den Piraten. Chris hat jahrelange Erfahrung auf Theaterbühnen und ist damit das einzige Mitglied seiner Partei, das wenigstens manchmal Strumpfhosen trägt. Mit ihm zusammen habe ich „Renato Kunasto“ entwickelt. Renato ist 28 Jahre alt und kommt aus Sevilla, wo seine Eltern eine nachhaltige Olivenplantage betreiben. Jetzt ist er für ein verlängertes Wochenende in Berlin, um sich vom harten Alltag zu erholen.

Mit der Stanislawski-Methode bin ich ruck-zuck drin in der Rolle, und als ich schließlich mit angeklebtem Schnauzbart und Sombrero vor den Spiegel trete, habe ich für einen Moment den Duft von reifen Orangen in meiner Nase. Wahnsinn, wie authentisch ich den Renato gebe. Drei Stunden später checke ich ins Meininger Hotel am Hauptbahnhof ein und mische mich unauffällig unter eine schwedische Pfadfindergruppe. Zusammen wollen wir eigentlich ins Berghain, lernen aber auf halber Strecke eine Gruppe französischer Musikstudentinnen kennen. Inzwischen stecke ich so tief in meiner Rolle, dass ich Monique und ihren Freundinnen auf Englisch mit spanischem Akzent erkläre, was ich für die Bildungspolitik von Berlin tun könnte, wenn ich mehr wäre als ein einfacher iberischer Bauernsohn. Auch dem Mann zwei Stockwerke über dem Späti, der sich schreiend, aber konstruktiv zu meiner Darbietung von „El Condor Pasa“ äußert, erkläre ich, dass wir keine „versoffene Touriplage“ sind, sondern das angeheiterte Gesicht der Gentrificatores, die ihm als hombre della casa muchos dineros auf das Sparbucho spült. Gerade bin ich dann hier im Hostel wieder aufgewacht – neben drei Flaschen Wein und einem abgeschraubten Briefkasten. Mein Abend als Renato hat mich nachdenklich gemacht. Vielleicht sind Sie und ich manchmal ein bisschen zu verkrampft. „Obere Mittelschicht“, wie das schon klingt! Aber keine Sorge: Die Arbeitsgruppe steht schon. Besser, Sie halten heute Nacht die Fenster geschlossen.

Bis bald, Ihre

Renate

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