GRÜNES Rathaus (8) : Künast-Kolumne: Großraum Jerusalem

Was hätte Renate Künast als Regierende zu erzählen? Stefan Stuckmann erfindet ihre Briefe an die Wähler.

Stefan Stuckmann

Liebe Berlinerinnen, liebe Berliner,

heute vor langer Zeit begab es sich, dass zwei junge Hausbesetzer Eltern eines Kindes wurden, das die Welt verändern sollte. Aber wenn wir heute im Kreis unserer Lieben von Jesus erzählen, vergessen wir oft, dass dieser Heiland ohne eine kluge Regionalpolitik im Großraum Jerusalem gar nicht möglich gewesen wäre.

Wenn mitten im Weihnachtstourismus eine Scheune flexibel zum Schlafsaal mit gemischtgeschlechtlicher Nutzung umfunktioniert wird, wenn drei Weise aus dem Morgenland klimaneutral einreiten und noch spät in der Nacht zentrumsnahe Stellplätze für ihre Kamele finden, und wenn der kleine Jesus gleich nach seiner Geburt einen sicheren Krippenplatz zugewiesen bekommt – dann geht das nur, weil Leute wie ich vorher die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen haben.

Die Scheune von damals ist die Fabriketage von heute, und wo früher zwischen Ochs und Esel immer noch Platz war für eine Jungfrauengeburt, da wohnen heute Spekulanten, Volkswagen-Manager und Barbara Becker. Maria und Josef müssten weiterziehen, vorbei an luxussanierten Altbauten, deren Mieten von mehr als sechs Silberlingen pro Quadratmeter die Möglichkeiten eines einfachen Zimmermannes weit übersteigen. Vielleicht würden sie in einer S-Bahn-Station Zuflucht suchen und mit dem kleinen Jesus, eingewickelt in einen „Straßenfeger“, in Spandau stranden. Zwischen den durch Mieterhöhungen aus Neukölln vertriebenen Hartz-IV-Familien würde unser Jesus kein Heiland werden, sondern nur die nächstbeste Vorstadt-Atze ohne Schulabschluss.

Da müssen wir ran! Wenn Sie heute Abend um den Baum tanzen, sitze ich noch am Schreibtisch, damit Berlins Kinder wieder träumen können. Und wer weiß: Vielleicht wird heute Abend, irgendwo in Berlin, ein kleines Mädchen geboren, das irgendwann, in 30 oder 40 Jahren, meine Referentin wird.

Ein frohes Fest, Ihre

Renate

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