Grundschulen : Schulanfänger bleiben auf der Reform sitzen

Rund 3800 Zweitklässler schaffen nicht den Sprung in die dritte Klasse. Die Debatte um das frühe Einschulungsalter geht weiter. Die Grünen wollen die Altersgrenze ändern.

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Die Leistungen der Berliner Grundschüler haben sich verschlechtert.
Die Leistungen der Berliner Grundschüler haben sich verschlechtert.Foto: dpa

Die Zahl der Grundschüler, die nach zwei Jahren nicht in die dritte Klasse versetzt werden, ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Seit der Einführung der sogenannten flexiblen Schulanfangsphase im Schuljahr 2006/07 können Kinder die ersten beiden Schuljahre in einem, zwei oder drei Jahren durchlaufen. Wenn sie drei Jahre dafür brauchen, wird das nicht als Sitzenbleiben gewertet. Im letzten Schuljahr betraf dies rund 3800 Kinder, 120 mehr als im Jahr davor. Im Vergleich zum Schuljahr 2008/09 sind es sogar fast tausend Kinder mehr, die drei Jahre in den Anfangsklassen verweilen. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Kleine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu hervor.

Der Anstieg fällt noch mehr ins Gewicht, weil gleichzeitig die Gesamtschülerzahl an den Grundschulen gesunken ist – von rund 146 000 Schülern im Jahr 2008/09 auf rund 136 000 im Jahr 2011/12. Die meisten Verweiler gibt es in den Bezirken Neukölln und Mitte (je 533 im letzten Schuljahr), gefolgt von Marzahn-Hellersdorf (456) und Lichtenberg (380). Die wenigsten Verweiler gibt es in Treptow-Köpenick (160), Steglitz-Zehlendorf (215) und Charlottenburg-Wilmersdorf (220). Für Mutlu, den bildungspolitischen Sprecher der Grünen, ist die steigende Zahl der Verweiler ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Grundschulreform mit Schulanfangsphase und dem Vorziehen des Einschulungsalters die Situation eher verschlechtert als verbessert hat. Auch das schlechte Abschneiden der Berliner Viertklässler im Lesen und Rechnen beim letzten Ländervergleich weise darauf hin.

Die Grünen haben deshalb einen Gesetzentwurf eingebracht, nach dem der Stichtag für das Einschulungsalter vom 31. Dezember auf den 30. September geändert werden soll. Das würde bedeuten, dass nur diejenigen Kinder, die bis zum 30. September eines Jahres ihren sechsten Geburtstag feiern, im selben Jahr auch eingeschult würden, und nicht mehr alle Kinder, die im Laufe des Kalenderjahres sechs werden. In der Bildungsverwaltung sieht man jedoch keinen Anlass, am Stichtag etwas zu ändern. Senatorin Sandra Scheeres (SPD) halte die jetzige Einschulungsregelung für sinnvoll, da Eltern in Berlin die Möglichkeit haben, ihr Kind zurückstellen zu lassen, sagt ihre Sprecherin Beate Stoffers.

Tatsächlich können Eltern, die ihr Kind nicht für schulreif halten, eine Rückstellung beantragen – und die Zahl der Anträge stieg in den letzen Jahren kontinuierlich. Die Prozedur ist allerdings aufwändig. Es müssen schriftliche Gutachten der Kita, der Eltern und des schulpsychologischen Dienstes erstellt werden, und die Entscheidung, ob die Rückstellung genehmigt wird, liegt letztendlich im Ermessen des Schulamtes. Wie viele Anträge abgelehnt werden, werde in der Bildungsverwaltung nicht statistisch erhoben, sagte Stoffers. An diesem Punkt sieht auch der SPD-Bildungsexperte Ilkin Özisik Verbesserungsbedarf. „Ich würde das Verfahren gern vereinfachen“. Es sei zu überlegen, für die Rückstellungen einen Rechtsanspruch der Eltern zu formulieren. Von einer Änderung des Stichtags hält er dagegen weniger. „Kinder kann man nicht per Stichtag einschätzen“. Die Vernetzung von Kita, Eltern und Grundschulen im letzten Jahr vor der Einschulung müsste verbessert werden, denn diese könnten am besten einschätzen, ob das Kind schon schulreif sei.

Ähnlich argumentiert Regine Kittler von der Linkspartei. „Eltern und Erzieher sollten das entscheiden.“ Sie ist nicht grundsätzlich gegen eine Änderung des Stichtages: „Mein Herz hängt nicht am 31.12.“ Das Problem seien jedoch weniger die jungen Schüler, sondern dass die Schulen nicht genügend auf diese eingestellt seien. Das bestätigt auch Inge Hirschmann von Grundschulverband. „Die Kleinen haben andere Bedürfnisse. Sie brauchen mehr Pausen und eine Rhythmisierung des Unterrichts.“ Dafür fehlten aber oft Räume und Personal. Sie habe nichts gegen eine spätere Einschulung, so Hirschmann, allerdings müsste dann in den Kitas eine gute vorschulische Bildung garantiert sein.

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