Berlin : Guenia Smouchkevitch (Geb. 1925)

„Ich kenn nit gloiben, dos wos ich hob alles iberlebt“

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Sie waren gerettet. Keine Gefahr mehr für die Juden in der persischen Diaspora, Dank Ester, dank ihres Onkels Mordechai, der nach Abwendung des Unheils Schreiben an alle verschickte und aufrief, den „14. und 15. Tag des Monats Adar in jedem Jahr als Festtag zu begehen. Das sind die Tage, an denen die Juden wieder Ruhe hatten vor ihren Feinden; es ist der Monat, in dem sich ihr Kummer in Freude verwandelte und ihre Trauer in Glück. Sie sollten sie als Festtage mit Essen und Trinken begehen und sich gegenseitig beschenken und auch den Armen sollten sie Geschenke geben.“ So erzählt im Buch Ester, im Alten Testament. Seither wird Purim gefeiert.

Freude: Purim, im März des letzten Jahres, in der jüdischen Gemeinde in der Fasanenstraße. Guenia Smouchkevitch, bereits über 90, in schwarzem, funkelndem Kleid, mit weichem, dunklem Haar, mit rot betupften Lippen, sitzt zwischen Kindern. Die Kinder drängen sich dicht um sie, sie tragen Kostüme, sie halten bunte Ballons, sie lachen. Guenia nimmt die Purimpflichten sehr ernst. Sie bereitet Essen zu, Unmengen, für 200 Menschen, Gefilte Fisch natürlich, Leberpastete, Matzeknödel in Hühnerbouillon, Süßigkeiten. Essen ist wichtig. Wegen des jahrelangen Hungers.

Trauer: Guenia ist eine Jüdin aus Kaunas, Litauen. Die Familie besitzt ein Schneidergeschäft, die Stadtprominenz lässt sich dort die Kleidung anfertigen, es ist ein gutes Leben. Bis Stalin kommt und Onkel Jakov, einen hohen Militär bei der Luftwaffe, hinrichten lässt. Bis die Deutschen kommen und, zusammen mit bereitwilligen Litauern, Guenias Mutter, Guenias Schwester erschießen, ihren Vater nach Dachau deportieren. Guenia selbst entkommt. Sie fährt mit anderen Jugendlichen auf einem Dampfer, es ist Krieg. Aber sie schauen aufs Wasser, sie lachen, sie schauen in den blauen Himmel, sie fühlen sich sicher. Denn dieses Lied hat sich in ihre Köpfe eingebrannt: „Hitler hat hölzerne Soldaten, hölzerne Panzer, hölzerne Flugzeuge. Stalin hat eiserne Soldaten, eiserne Panzer, eiserne Flugzeuge.“ Dann trifft eine deutsche Granate das Schiff. Es fängt Feuer. Guenia schafft es ans Ufer und läuft. „Mir seinen gelofen, gelofen, gelofen“, sagt sie auf Jiddisch, die Sprache, die sie mit ihren Eltern gesprochen hat, die Sprache, die sie mit ihren Kindern spricht. Sie läuft Richtung Osten, Richtung russische Grenze, Sibirien, tagelang. Sie gelangt an die Front und wird Soldatin der „Roten Armee“. Sie ist 15 Jahre alt. 800 000 Frauen, vielleicht sind es auch eine Million, kämpfen im „Großen Vaterländischen Krieg“. Sie nähen, kochen, kümmern sich um die Verwundeten. Sie kämpfen als Scharfschützinnen, Panzerfahrerinnen, Kampfpilotinnen. „Wir hatten es besonders schwer, wenn wir als junge Mädchen die Verwundeten auf unseren Schultern trugen und sie im Kugelhagel verbanden“, erzählt Guenia. „Häufig musste man den Soldaten ersetzen und griff selbst zum Gewehr.“ Eine Granate detoniert neben ihr, die Splitter dringen in ihren Körper. „Ich kenn nit gloiben, dos wos ich hob alles iberlebt.“ Die Bilder in ihrem Kopf könnten einen Menschen blind machen. Schlimm ist der Hunger. „Die Verwundeten haben nicht vor Schmerzen, sondern vor Hunger gebrüllt. Wir haben erfrorene Pferde gekocht. Mit Pickeln haben wir Stücke aus ihnen herausgehauen. Noch roh haben die Soldaten das Fleisch verschlungen.“

Glück: Auf ihrem Marsch Richtung Osten begegnet ihr ein junger Mann, er ist zehn Jahre älter als Guenia. Zwei Jahre später trifft sie ihn wieder, im Hauptquartier der 16. Division. Sie selbst befindet sich in der Kampfzone, erhält aber ab und an den Auftrag, in der Nacht auf Skiern ins Hauptquartier zu fahren, für Verbandsmaterial, Brot, Nachrichten über das Vorrücken der Roten Armee. „Zehn, fünfzehn Kilometer durch Frontgebiet, überall deutsche Späher.“ Die Liebe vertreibt die Angst. Sie spürt den Hunger kaum, den eisigen Wind. Weil sie weiß, dass er wartet, dass er sie erwartet, sie in die Arme nehmen wird, für einen Augenblick. Bis sie wieder zurück muss, gibt es keine Granaten, keine verblutenden, schreienden Soldaten, keinen Tod. Nur Wärme. Liebe. Semjon, die russische Form von Simon, aus dem Alten Testament, „er (Gott) hat gehört“. Guenia und Semjon heiraten noch an der Front. Und dann hissen Rotarmisten die sowjetische Flagge auf dem Reichstag. Der Krieg ist vorbei. Guenia und Semjon gehen zusammen nach Vilnius, studieren. Beider Berufe beschäftigen sich mit Essen, niemand soll jemals wieder hungern. Guenia wird Lebensmitteltechnologin. Sie baut Kantinen in Betrieben auf, betreut dann bis zu 40 von ihnen, beschafft die Lebensmittel, verteilt sie, erstellt Menüpläne. Semjon wird Geschäftsführer der meisten Lebensmittelgeschäfte in Vilnius. Kommt Guenia aus den Kantinen nach Hause, geht es weiter mit dem Essen. Sie kocht für Semjon und die drei Kinder, die inzwischen geboren wurden, sie zeigt ihnen, als sie alt genug sind, wie man sie zubereitet, die alten jüdischen Gerichte, den gefilten Fisch, die Matzeknödel, den süßen Hering, die Hamantaschen fürs Purimfest. Man muss Traditionen weiterführen. Doch nicht um ihrer selbst willen.

Kummer: Guenia weiß, was Auslöschung ist, die Deutschen haben es mit ihren Helfern vor Ort eindrücklich gezeigt, 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Litauens erlebte das Kriegsende nicht. Und ausgesprochen judenfreundlich kann man die neuen Machthaber auch nicht nennen. Semjon wird urplötzlich aufgefordert, beim Geheimdienst zu erscheinen, jeden Tag muss er vorsprechen, jeden Tag begleitet ihn Guenia, trägt eine Tasche mit Kleidung und Zwieback, wartet vor dem Geheimdienst-Gebäude, weiß nie, ob er wieder herauskommen wird oder ob sie die Tasche abzugeben hat. Semjon tritt immer wieder aus dem Gebäude heraus. In die Länge gezogene, tägliche Furcht. In den sechziger Jahren lädt die Staatsmacht Guenia selbst vor. Sie war nach Kanada gereist zu ihrem Vater, der Dachau überlebt hat und ausgewandert ist. Verhöre, Angst, obwohl man nicht mehr, wie zu Stalins Zeiten, den Tod vor Augen hat. Bereits im Krieg rügte sie der Geheimdienst: Guenia hatte einem deutschen Soldaten Blut gespendet, Rotarmistenblut für den Feind. Mit Orden behängte man sie dennoch. „Unsere Heldinnen“, tönt die sowjetische Propaganda. In der Bevölkerung, in den Familien verdächtigt man die Frauen: Ihr seid doch nur an die Front, um mit möglichst vielen Männern schlafen zu können. Guenia bleibt fast die Luft weg, wenn sie das hört. „Ich hatte keine Abtreibung“, rechtfertigt sie sich. Andere Rotarmistinnen sind schwanger geworden mitten im Krieg. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Beschmutzung, um die Erniedrigung der Frauen im Nachhinein. Darüber will Guenia sprechen.

Trauer und Freude: Darüber spricht sie, höchst energisch, sie ist schon über 70. Sie spricht darüber in Deutschland, während der Ausstellung „Frauen in der Roten Armee“ im Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst, vor Studenten in Bremen, in der französischen, britischen, amerikanischen Botschaft. Seit 1991 lebt sie bei ihrer Tochter in Berlin. Semjon ist 1972, mit 48 Jahren, gestorben. Die Kinder studieren Medizin, die beiden Söhne wandern in die Vereinigten Staaten aus. Die Sowjetunion zerfällt, Litauen erklärt sich zum unabhängigen Staat. Es folgt der Vilniusser Blutsonntag, Anfang Januar 1991, prosowjetische Militärs fahren mit Panzern in demonstrierende Menschen und schießen. Guenia denkt: „Bürgerkrieg!“ Und sie denkt: „Nein. Nie wieder Krieg. Hier bleibe ich nicht.“ Sie lässt alles zurück in Vilnius. Sie zieht ins Land der Täter. Aber so würde sie es nicht sagen. Sie sagt: „Es gibt keine schlechten Menschen. Ich bin a Mensch und du bist a Mensch. Wir reden miteinander.“ Sie liegt auf dem Bett und lernt Deutsch. Sie sitzt oft in der Synagoge. Sie kocht. Sie singt und tanzt auf Geburtstagen. Sie geht jeden Dienstag und jeden Sonntag zur jüdischen Gemeinde in der Fasanenstraße, dienstags zum Treffen der Kriegsveteranen, sonntags zu Musiknachmittagen. Sie fährt hin und wieder nach Vilnius und kehrt mit zig Geschenken für zig Freunde zurück. Sie erleidet einen Schlaganfall, der Rücken, die Knie schmerzen. Aber sie will wieder auf die Beine kommen. Sie kommt wieder auf die Beine, ein wenig zumindest. Sie zieht ein schwarzes, funkelndes Kleid an, ihr Haar ist dunkel und weich, die Lippen rot betupft. Sie sitzt zwischen Kindern. Sie sieht schön aus.

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