Berlin : Günter Körner, geb. 1944

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Die drei Quadratmeter große Holzplatte, auf der die Eisenbahn montiert ist, hängt noch unter der Decke des ehemaligen Kinderzimmers. "Das war sein Hobby", sagt Gerlinde Körner, "sein Ausgleich und seine Rückzugsmöglichkeit." Die Polizeiuniform, die jetzt in ihrem Schrank hängt, haben ihr die Kollegen ihres Mannes geschenkt. "Die hebe ich auf", sagt sie. Günter Körner, der Mann, der auf zahlreichen im Wohnzimmer aufgestellten Fotos rundlich, gemütlich und stets vergnügt ausschaut, ist tot. Eines Tages, fiel er ohne jegliche Vorwarnung um, und stand nicht mehr auf. Ein Schock.

Warum Günter Körner ausgerechnet Polizist geworden ist? "Weil er einen unglaublichen Gerechtigkeitssinn hatte", sagt seine Frau. Darüber, dass es bei der Polizei der DDR nicht immer nach diesem Prinzip ging, hat er nie gesprochen.

"Von manchen Einsätzen kam er ganz verschlossen zurück", sagt seine Frau. Schlimm sei es gewesen, wenn aus einer russischen Kaserne ein Soldat geflohen war. Da suchten Volkspolizisten gemeinsam mit der russischen Armee nach dem Deserteur. Panzer wurden eingesetzt, und es wurde scharf geschossen. "Diese Einsätze waren schrecklich für ihn." Dennoch war Günter Körner Polizist mit ganzem Herzen.

1987 lässt sich Günter Körner von Halle nach Berlin versetzen. "In Halle ging es für uns nicht mehr weiter", sagt Gerlinde Körner. Weil seine Schwägerin einen Ausreiseantrag gestellt hatte, wurde Körner bei den Beförderungen übergangen. Der Neuanfang gelang. In Berlin spielte die Ausreise der Schwägerin keine große Rolle. Schon nach einem Jahr gab es die erste Beförderung. Kurz darauf fand die Familie eine Neubauwohnung in Hohenschönhausen. Kaufhalle, Parkplatz, Spielplatz alles nur ein wenige Minuten entfernt. "Ideal", sagt Gerlinde Körner, "auch jetzt. Meine Tochter wohnt mit dem Enkel gleich um die Ecke."

1989 hieß es für die Familie schon wieder neu beginnen. "Als die Wende kam, waren wir gerade an der Grenze Tschechoslowakei-Westdeutschland. Die Straßen waren verstopft. So sind wir aus Versehen in einen der Trecks nach Westen hineingeraten. Sich in die andere Richtung zu bewegen, war gar nicht so einfach", erinnert sich Gerlinde Körner.

Erst als die Grenzen eine Weile offen waren, nutzte auch Günter Körner die Chance und sah sich den Westen an. Die Tochter, die schon lange West-Berlin erkundet hatte, traute sich zunächst nicht, ihrem Vater davon zu erzählen. Doch der freute sich schließlich doch über die Grenzöffnung. "Wir sind dann überallhin gefahren, haben nicht nur meine Schwester im Badischen besucht. Es gab so viele Wünsche: einmal die Hände in den Rhein stecken, die Alpen angucken. Wir haben uns viele Träume erfüllt," sagt Gerlinde Körner.

So schön diese neuen Freiheiten auch für Günter Körner waren, beruflich wurde es für ihn schwierig. Er wurde degradiert, seine Kompetenzen wurden eingeschränkt. War Körner vorher rund um die Uhr Polizist gewesen, war es jetzt nur noch ein Beruf. Als Kontaktbereichsbeamter war er zuständig für seine Gegend in Köpenick - in der DDR war er überall Polizist. Konnte überall einschreiten, wenn er fand, dass jemand ungerecht behandelt wird. Das ging nun nicht mehr. "Geholfen haben schließlich die Westkollegen. Die haben sich für ihn eingesetzt und uns bei allen möglichen Hürden zur Seite gestanden", sagt Gerlinde Körner. Sie fanden es auch nicht in Ordnung, dass er für die gleiche Arbeit weniger Geld bekam. "Nicht einer hat gesagt, das geschieht dir recht." Günter Körner fühlte sich schließlich aufgenommen, bis eben auf die Minderung der Einkünfte. Seine Arbeit machte ihm wieder Spaß.

Körner, dessen Beruf für Stabilität und Kontinuität stand, war eigentlich ein Mann, der Entscheidungen ganz spontan traf. So erfuhren Freunde erst auf dem Weg in den Urlaub, dass das Paar beschlossen hatte, dort zu heiraten und sie als Trauzeugen auftreten sollten. Anschaffungen wie beispielsweise ein Autokauf wurde bei den Körners nicht von langer Hand vorbereitet. Günter Körner war kurzentschlossen. So als habe er geahnt, dass er nicht viel Zeit im Leben haben wird. Feste wurden gefeiert, wie sie fielen. Kein Anlass wurde ausgelassen.

Und auch die lang ersehnte Flugreise nach Kreta wurde nach der Wende nicht lange aufgeschoben. "Ich bin heute sehr froh", sagt Gerlinde Körner, "dass wir nicht gesagt haben, das machen wir, wenn du in Rente bist." Man muss die Zeit, die man hat, nutzen, das ist seit dem Tod ihres Mannes erst recht zu ihrem Motto geworden. Zum 80. Geburtstag der Schwiegermutter waren alle Vorbereitungen getroffen. Die Tische im Restaurant waren eingedeckt. Die Gäste warteten mit dem Geburtstagskind bereits im Lokal. Die Körners wollten sich gerade auf den Weg zum Fest machen, als Günter Körner blass wird und zusammensackt. "Ich versuche jeden Tag so zu leben", sagt Gerlinde Körner, "als sei es der letzte."

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