Berlin : Gunter Trube (Geb. 1960)

In seinen Zeugnissen hieß es zuweilen: „Gunter plaudert zu viel“.

Candida Splett

Wer über Gunters 47-jähriges Leben berichtet, tut gut daran, Kategorien zu bilden. So unterschiedlich waren seine Rollen, so vielfältig die Aktivitäten, dass der Trauerredner fast an der Aufgabe verzweifelte, das Leben seines Freundes zusammenzufassen: „Wie alt ist der Typ eigentlich geworden? 125?!“

„Ein 24-Stunden-Motor“, sagt sein Bruder.

Kategorien also. Erstens: die Kunst. Ein Schauspieler mit Starqualitäten und – unter Gehörlosen auf der ganzen Welt – mit Starrang. Im-Mittelpunkt-Stehen war Gunters Brennstoff. Zweitens: die Gesellschaft. Ein Aktivist für die Gehörlosenkultur, die Gebärdensprache, schwule Gehörlose, die Aids-Aufklärung. Drittens: die Szene. Eine der „besten Barschlampen Berlins“ sei er gewesen, so stand es im Schwulen-Magazin „Siegessäule“. 16 Jahre lang stand er hinter der Bar des „Kumpelnests“, als Seelentröster im Morgengrauen, für die Gestrandeten mit Gehör und ohne. Viertens: der Beruf. Gebärdensprachlehrer, Gebärdencoach für Filme. Moderator. Fünftens: der Sport. Spitzenleichtathlet mit Weltmeistertitel bei den olympischen Spielen der Gehörlosen. Und schließlich: Der Privatmann Gunter, der fast 16 Jahre mit seiner großen Liebe, dem hörenden Tom zusammenlebte, mit dem er sich nach elf Jahren „verpartnern“ ließ. In ihre Charlottenburger Wohnung luden sie zu Weihnachten und Ostern die engsten Freunde mit ihren Familien ein. Da hingen die Bilder an den Wänden, die Fotos von Gunter und anderen Stars, die vom Liebespaar Gunter und Tom, das Postkartensammelsurium, über der langen Tafel hing die klimpernde Kristalllampe, in den Regalen standen unzählige Bücher und Kunstobjekte.

Gunter und sein ebenfalls gehörloser Bruder wurden in eine Zeit geboren, in der die Gebärdensprache oft als „Affensprache“ diffamiert wurde. Die hörenden Eltern sollten mit ihren Kindern die Sprache der Hörenden sprechen. Gunter aber fühlte sich sicherer mit den Gebärden und ignorierte deren Verbot an der Gehörlosenschule. In seinen Zeugnissen hieß es deshalb zuweilen: „Gunter plaudert zu viel“. Jahrelang kämpfte er gemeinsam mit Linguisten für die offizielle Anerkennung der Gebärdensprache in Deutschland. Im Jahr 2002 war es endlich so weit.

Mit 18 erfasste Gunter die Leidenschaft fürs Theater, als er einen Theaterworkshop beim „International Visual Theatre Paris“ besuchte und dort die Gebärdensprachpoesie kennenlernte. Eine Schauspielausbildung für Gehörlose gab es in Deutschland nicht. Also lernte Gunter Technischer Zeichner, beließ es dann aber auch beim Lernen.

Gebärdensprachgedichte sind Rhythmus, die Choreografie der Arme und Hände und der bewegte Ausdruck des Gesichts. Gunter erfand selbst Gedichte und zeigte sie bei Gehörlosenfestivals, im Gehörlosen-Theater, bei der Geburtstagsshow der „Tageszeitung“. In Büchern wurden seine Gedichte als Fotos abgedruckt. Hörende Poeten schrieben Gedichte eigens, damit Gunter sie in Gebärden übersetzte. So leichtfüßig überschritt er die Grenze zur Welt der Hörenden – nicht zuletzt mit seinem tiefen, lauten Lachen. Ein Kommunikationstalent und begnadeter Pantomime. Er zog Menschen in seinen Bann, die sofort fanden: Mit dem muss man was zusammen machen, nicht nur als Gebärdensprachpoet. Mal komponierte er ein Gebärdenlied für eine hörende Playbacktheatergruppe, dann spielte er einen Vampir in einem Kurzfilm oder sang eine Refrainzeile bei einer CD-Einspielung. Als Karl Lagerfeld zu einem Fotoshooting im „Kumpelnest“ erschien, ging Gunter vor ihm auf die Knie, woraufhin Lagerfeld ihn vor die Kamera bat, als Dragqueen gemeinsam mit Claudia Schiffer und dem Baby Edda.

Gunter, der sich seit seinem Coming-out Mitte der siebziger Jahre sehr selbstbewusst in der Schwulenszene bewegte, gründete 1985, als Aids ein öffentliches Thema wurde, die „Verkehrten Gehörlosen“. Es ging um Aidsaufklärung bei Gehörlosen und um die Betreuung HIV-positiver und aidskranker schwuler Gehörloser. Der Verein gab schließlich eine Broschüre für Gehörlose heraus, die, wenn sie als Kinder keine Gebärdensprache gelernt haben, oft keine verschachtelten Sätze lesen können. Gunter klärt darin gebärdensprachlich über Aids auf, und das in einer beachtlichen Rollenvielfalt vom Teufel bis zur Krankenschwester.

Der 24-Stunden-Motor Gunter lief geräuschvoll und konsequent übertourig, Altersschwäche akzeptierte er nicht. Entweder oder. Am Tag des Endspiels der Fußball-EM starb Gunter nach wenigen Stunden Unwohlseins an Herzversagen. Totalschaden. Am Tag davor hatte er einen glücklichen Christopher Street Day als Dragqueen erlebt, und natürlich standen neue Projekte ins Haus: drei Monate Theaterspielen in Norwegen und die Entwicklung einer Ausbildung für gehörlose Schauspieler in Potsdam.

500 Trauergäste verabschiedeten sich in einer sehr traurigen, sehr fröhlichen Zeremonie. „Gunter, wir sehen uns wieder, du alter Scheißer, und dann stoßen wir an mit dem Himmelsjägermeister.“ Candida Splett

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