Berlin : Gutachter im Sürücü-Prozess: Täter ist voll schuldfähig

Laut Psychiater war der Mord an der Deutsch-Türkin keine Tat im Affekt Der 19-jährige Ayhan S. habe in der Familie die Rolle des Vaters übernommen

Kerstin Gehrke

Der jüngste Bruder verzichtet am 19. Verhandlungstag auf seine Notizen. Er, der sonst fleißig festhält, was Zeugen zu sagen haben, steht heute im Mittelpunkt. Es geht um die Erkenntnisse, die ein psychiatrischer Gutachter über ihn gesammelt hat. Dem Arzt hat Ayhan S. erklärt: „Ich habe mich für etwas Besonderes gehalten.“ Von einem Fehler sprach er und von seinen Brüdern, die seinetwegen im Gefängnis sitzen würden. Der 19-jährige Ayhan, der seine Schwester Hatun erschoss, bezeichnete sich auch gegenüber dem Sachverständigen als Einzeltäter.

Ayhan sei in der Familie einer gewesen, der sich selbst erhöht habe, erklärt der Gutachter. Obwohl er der jüngste Sohn ist, habe er in der Familie mehr und mehr die Rolle eines Familienoberhaupts übernommen, während die Brüder ausgezogen waren und der Vater oft in der Türkei weilte. Ayhan habe sich „überschätzt“. Der in seiner Persönlichkeit nicht ausgereifte Angeklagte sei mit dieser Stellung überfordert gewesen. Hinweise auf eine verminderte Schuldfähigkeit aber gebe es nicht. Es handele sich auch nicht um eine Affekttat. „Nach langer Unzufriedenheit mit der Situation glaubte er etwas regeln zu müssen.“

Ayhan S. verzieht bei den Einschätzungen des Gutachters ab und zu das Gesicht, bleibt aber ruhig. An anderen Prozesstagen hat er immer wieder dazwischengerufen. Vielleicht ist er einfach froh, dass der Gutachter offenbar nichts gefunden hat, das die beiden mitangeklagten Brüder belastet. Andererseits aber war es nicht Aufgabe des Sachverständigen, sich über eine mögliche Tatbeteiligung der anderen ein Bild zu machen. Er hat sich allein mit Ayhan beschäftigt.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft sind alle drei Brüder für die Ermordung der 23-jährigen Schwester verantwortlich. Sie hätten sich durch ihren westlichen Lebensstil in ihrer Familienehre gekränkt gefühlt. Sie sollen zudem befürchtet haben, dass die Schwester ihren fünfjährigen Sohn nicht nach den Regeln des Islam erziehen würde. Der 26-jährige Mutlu soll die Pistole besorgt, der 25-jährige Alpaslan Schmiere gestanden haben. Ayhan tötete seine Schwester am 7. Februar 2005 mit drei Schüssen in den Kopf. Hatun Sürücü starb noch auf dem Pflaster der Tempelhofer Oberlandstraße.

Ayhan wurde in Berlin geboren – als siebtes von neun Kindern. Gegenüber dem Gutachter sprach er von einer „schönen Kindheit“. In der Schule war er im Lesen besonders gut, insgesamt aber nahm er das Lernen nicht so ernst. Er schloss die Realschule mit Befriedigend ab, arbeitete dann in einem Internet-Café. Alkohol und Drogen hat er gemieden – aus religiösen Gründen. Seinen Bruder Alpaslan hat er als „schwachen Typ“ beschrieben, Mutlu als einen, der „nicht mal einer Fliege“ etwas antun könne.

Aus Sicht des Gutachters ist auf Ayhan das Jugendstrafrecht anzuwenden – wegen vorhandener Reifedefizite. Demnach drohen ihm maximal zehn Jahre Haft. Nach einer vierwöchigen Prozesspause wird sich das Landgericht voraussichtlich mit den Lebensläufen der beiden anderen Brüder befassen.

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