Berlin : Häftling flieht aus dem Kriminalgericht

28-Jähriger nutzt eine Verhandlungspause in Moabit, um aus einem Toilettenfenster zu springen – der Bewacher steht vor der Tür

T. Buntrock,K. Gehrke

Der Sprung ging vier Meter in die Tiefe – und direkt in die Freiheit: Gestern ist erneut ein Straftäter am Rand einer Gerichtsverhandlung seinem Bewacher entkommen. Der 28-jährige Hassan Ch. nutzte eine Pause, um aus einem Toilettenfenster im ersten Stock zu flüchten. Sein Bewacher hatte auf dem Flur des Kriminalgerichts Moabit vor der Tür zu den Toiletten gewartet.

Bis zum Abend fahndeten rund 150 Polizeibeamte und Justizwachtmeister im Gerichtsgebäude Moabit nach dem Häftling – bislang erfolglos. In den vergangenen eineinhalb Jahren waren mehrere Häftlinge auf spektakuläre Weise geflüchtet: Davon im Juni 2005 ein Angeklagter, der ebenfalls aus einem Gerichtssaal in Moabit floh.

Hassan Ch., der zu einer polizeibekannten libanesischen Großfamilie gehört, sitzt derzeit eine zweijährige Haftstrafe wegen Diebstahls mit Waffen ab. Gestern um 9 Uhr wurde ein weiteres Verfahren verhandelt: Zusammen mit seinem mutmaßlichen Komplizen Selcuk Y. (27) soll er im April versucht haben, in einen Getränkemarkt in Neukölln einzubrechen. Um 11 Uhr wurde die Verhandlung unterbrochen, damit die Angeklagten zur Toilette gehen konnten. Beide wurden von Wachleuten begleitet.

Allerdings wurde Hassan Ch. zum etwa 20 Meter entfernten öffentlichen Besucher-WC geführt. Dort postierte sich der Wachmann auf dem Flur vor der Tür, wie Gerichtssprecher Arnd Bödeker sagte. Offen blieb die Frage, warum der Häftling nicht in einen gesichertes Toilettenraum geführt wurde. Nach Tagesspiegel-Informationen befindet sich in der so genannten Vorführzelle – ebenfalls unweit vom Saal C106 – ein WC mit vergitterten Fenstern. Ob es eine Vorschrift gibt, Häftlinge bis zur Kabine zu eskortieren, wollte gestern Gerichtssprecher Bödeker nicht weiter kommentieren. Nur so viel: „Die Aufgabe der Wachtmeister ist es, sicherzustellen, dass der Gefangene nicht entweichen kann.“ Gegen 11.10 Uhr soll der Wachtmeister den Alarm ausgelöst haben. Daraufhin wurden automatisch alle Ein- und Ausgänge von der Hauptwachtmeisterei im Kriminalgericht geschlossen. Selcuk Y. soll später erklärt haben, dass er vom Verschwinden seines Mitangeklagten nichts bemerkt habe.

Hassan Ch., ein bulliger Typ von 1,70 Metern Größe, trug bei seiner Flucht ein kariertes Hemd und eine helle Hose. Handfesseln hatte man ihm nicht angelegt, da dies bei Angeklagten, bei denen keine Anhaltspunkte für eine Flucht vorliegen, nicht üblich sei. Das Toilettenfenster im ersten Stock führt zum Innenhof. „Dieser Hof ist verbunden mit allen anderen Höfen des Gebäudes. Von dort gelangt man auch in den Altbau“, erklärt Bödeker. Seite 8

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