Berlin : Häftling stirbt in der Gefängniskirche

56-jähriger chronisch Kranker brach zusammen Anwalt kritisiert die medizinische Versorgung

Jörn Hasselmann

Erneut gab es in Tegel einen Toten – beim Einführungsgottesdienst für die neuen Gefängnisseelsorger starb gestern Eberhard Reichert, vermutlich nach einem Anfall mit Krämpfen. Nach Angaben mehrerer Augenzeugen soll professionelle Hilfe erst nach etwa einer Viertelstunde vor Ort gewesen sein – „kurz nach 10 Uhr“ sei der wegen Betruges Einsitzende in der Gefängniskirche zusammengebrochen. Eine Justizsprecherin sagte, dass der Gefangene den Anfall „vor Beginn“ des Gottesdienstes erlitten habe. Dieser war für 10.15 Uhr angesetzt. Nach Angaben der Feuerwehr ging der Notruf erst um 10.19 Uhr ein, der Rettungswagen war um 10.23 Uhr an der Pforte von Tegel. Sofort alarmierten die Sanitäter einen Notarztwagen, da der Häftling im Sterben lag. Der Notarzt traf um 10.36 Uhr an der Pforte ein. Um 11.29 Uhr stellte dieser dann den Tod des 56-Jährigen fest.

Mitgefangene reagierten erschüttert auf den Tod. Es war bekannt, dass Reichert schwer krank war. Zu dem Gottesdienst waren 250 Besucher und Gefangene gekommen, auch der Leiter der JVA Tegel, Klaus Lange-Lehngut, war anwesend. Nach Angaben der Justizsprecherin soll die Leiche obduziert werden, um die Todesursache festzustellen. Zu den Vorwürfen nahm sie keine Stellung.

Eberhard Reichert hatte sich in den vergangenen Monaten mehrfach brieflich an den Tagesspiegel gewandt und seine gesundheitlichen Probleme geschildert. Dabei kritisierte er die aus seiner Sicht mangelhafte medizinische Versorgung – und er hatte viele Eingaben und Beschwerden an die Anstaltsleitung und an Politiker geschrieben. Nach Bekanntwerden des Medikamentenskandals in der Berliner Justiz haben Reicherts Vorwürfe an Brisanz gewonnen: So sei ihm im September 2006 im Haftkrankenhaus ein Medikament angeboten worden, dessen Haltbarkeitsdatum sechs Monate abgelaufen war. Dies hatte Reichert sogar in einer Ausgabe der Gefangenenzeitung „Lichtblick“ veröffentlicht. Am Freitag hatte Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) ihren Staatssekretär Christoph Flügge entlassen. Der überraschende Rausschmiss soll in Zusammenhang mit der Unterschlagung von Medikamenten stehen. Pflegekräfte der JVA Moabit sollen einen Teil der gelieferten Arzneimittel an Angehörige und Justizvollzugsbeamte verschenkt oder verkauft haben, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Mehrere Gefangene äußerten seitdem den Verdacht, dass sie zu wenig oder keine Medikamente bekommen, weil mit ihnen privater Handel getrieben wird.

In diese Kerbe schlug gestern auch Reicherts Anwalt: Sein Mandant musste wegen der starken Schmerzen opiumhaltige Medikamente nehmen. „Und mit Opiaten kann man gut handeln“, sagte Steffen Tzschoppe. „Er hat mir berichtet, dass er seine Medikamente nicht vollständig ausgehändigt bekommt“, sagte der Anwalt.

Am 24. Juni vergangenen Jahres hatte Reichert einen mehrseitigen Brief an die damalige Justizsenatorin Karin Schubert geschrieben. Darin schreibt er, dass ihm seit Monaten vom Diät-Kalfaktor (einem Gefangenen, der für die Anstalt arbeitet) die ärztlich angeordnete Zusatznahrung unterschlagen wird. Als er sich darüber bei der Gefängnisleitung beschwerte, seien ihm bei einer Zellenkontrolle seine persönlichen Gegenstände beschlagnahmt worden – aus Rache, wie er glaubt. Am Tag nach dieser Strafmaßnahme fiel Reichert in Ohnmacht, wurde mit dem Notarztwagen in eine Klinik gebracht. Wie er dem Tagesspiegel im Oktober berichtete, sei dies der 16. Anfall seit Dezember 2004 gewesen. Auch ein Schulfreund von Reichert, der ihn seit Jahrzehnten kennt, sagt, der JVA-Leitung sei der schlechte Gesundheitszustand bekannt gewesen. „Das geht alles weit über meine Kräfte“, schrieb Reichert an Schubert. Und: „Die medizinische Versorgung ist – mit Verlaub – unter aller Sau.“

Reicherts Anwalt, Steffen Tzschoppe, zeigte sich gestern schockiert. Wegen der schweren Krankheit seines Mandanten – dieser litt an einem nicht operablen Zungentumor – habe er im Dezember ein Gnadengesuch gestellt. Dieses sei zwar noch nicht beschieden worden, allerdings habe die JVA Tegel bereits eine ablehnende Stellungnahme geschrieben. „Die Gefangenen bleiben in Haft, bis sie sterben“, warf der Anwalt gestern der Berliner Justiz vor. Reichert sollte wegen Betruges bis zum Jahr 2010 in Haft sitzen. Nun sei es sogar ein Lebenslänglich geworden, sagte Anwalt Tzschoppe. Als Eberhard Reichert im Sterben lag, erteilte ihm ein Seelsorger die Sterbesakramente. Der Gottesdienst wurde abgesagt.

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