Berlin : Härtere Zeiten für Schmierer: 104 Festnahmen in vier Wochen

JÖRN HASSELMANN

404 Verfahren wegen Sachbeschädigung eingeleitet / Aber viele werden eingestelltVON JÖRN HASSELMANNBERLIN (Ha/-pen).Der Druck gegen Graffiti-Schmierer steigt.Seit Beginn der Aktion "Saubere Stadt" am 24.März wurden 104 Sprayer festgenommen und in nur vier Wochen 404 Verfahren wegen Sachbeschädigung eingeleitet.Allein der Bundesgrenzschutz nahm 23 Jugendliche auf frischer Tat fest.Erst am Sonntag wurden zwei 20 und 17jährige beim Besudeln der Seestraßenbrücke von der Wasserschutzpolizei ertappt.Die Beamten stellten Sprühdosen und Fotoapparate sicher, mit denen die Täter ihre "Werke" dokumentierten.Der Leiter der Dienststelle, dem die "gemeinsame Ermittlungssgruppe Graffiti in Berlin" (GiB) untersteht, Klaus Gäth, sagte dem Tagesspiegel, daß der Ermittlungserfolg der gestiegenen Sensibilität der Bevölkerung zu verdanken sei. Bisher glaubte jeder, daß "eine Anzeige sowieso nichts bringe", beschreibt Polizeirat Gäth das Problem: "Wer jetzt einen sprühen sieht, zeigt das auch an." Dazu werde auch schon einmal das Handy eingesetzt, und auch Bahnbedienstete sähen nicht mehr weg."Die Bevölkerung hat den Politikern Druck gemacht", meint Gäth.Die 25 Mann bei der "GiB" aus Beamten des Bundesgrenzschutzes und der Polizei versuchen seit 1994, der Schmierereien von geschätzt 10 000 Jugendlichen Herr zu werden. Der Bundesgrenzschutz, der in Berlin für die Bahnanlagen zuständig ist, führt den Erfolg auch auf seine Zivilkräfte zurück, die eigentlich speziell für Taschendiebstähle ausgebildet sind.Insgesamt seien auf Berliner Bahnhöfen 400 Bahnpolizisten in fünf Schichten rund um die Uhr unterwegs, erklärte Einsatzkoordinator Werner Stoyke.Besonders Abstellanlagen würden überwacht.Unter anderem durch fotografische Dokumentation würden die bunten Werke beweissicher einzelnen Tätern zugeordnet. Das Problem ist aber, auch hier sind sich die Ermittler einig, daß es keine Hauptschmierorte gibt.Anders formuliert: alles wird beschmiert."Das bevorzugte Objekt hängt vom Täter ab", sagt Gäth, ob er also den "schnellen Tag" suche oder den "besonderen Kick".Experten schätzen, daß etwa 10 000 Jugendliche versuchen, mit "Taggen" in die Szene einzusteigen.Ein "Tag" ist das Szene-Pseudonym, das mit dem Filzstift oder der Farbdose auf jeden erreichbaren Winkel der Stadt geschmiert wird.Etwa 1000 Jugendliche suchen den "Kick", in dem sie großflächige Bilder sprühen - und auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Einer der Jugendlichen, die am Sonntag die Fundamente der nördlichen Seestraßenbrücke bis in zwei Meter Höhe besprühten , hatte nach der Festnahme versucht, sich gewaltsam loszureißen.Daß sie Kameras dabei hatten, zeigt, daß sie der "Avantgarde" zuzurechnen sind, die ihre Werke festhalten. Bei der Staatsanwaltschaft ist die jüngste Welle an Anzeigen noch nicht angekommen.Sie hat im ganzen vorigen Jahr, so Hauptabteilungsleiter Victor Weber, 2 176 Verfahren gezählt, davon 1 200 gegen "bekannte Täter".Im ersten Quartal dieses Jahres waren es dann 676 Ermittlungsverfahren.Nicht einmal die Hälfte davon führt allerdings zu Prozessen gegen die Jugendlichen, denn Anklagen gab es nur in 43 Prozent.Bei 39 Prozent der Verdächtigen wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt.Den Rest stellten die Ankläger aus "Opportunitätsgründen" ein: Geringe Schuld des Sprühers oder Fälle, bei denen schon erzieherische Maßnahmen laufen.Das gilt später auch für die Gerichte: Sie stellen einen großen Teil der Fälle ein.

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