Berlin : Hanns Zischler las aus dem neuen Buch von Carl-Johan Vallgren

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Dafür, dass Lesen für ihn laut eigener Aussage immer nur Arbeit bedeutet, ging Schauspieler und Literaturwissenschaftler Hanns Zischler der Abend in der nordischen Botschaft relativ leicht von der Hand: Zischler stellte das neueste Buch des schwedischen Bestseller-Autors Carl-Johan Vallgren vor. "Ein Barbar in Berlin" enthält Geschichten aus 100 Jahren Stadtleben und auch Vallgren hat im Vorfeld fleißige Lesearbeit geleistet. Nacheinander breitet er sein Wissen zu Heinrich Mann, Alfred Döblin und Erich Honecker aus. Zischler liest das Kapitel über Anna Seghers und ihr Schweigen zum Unrecht im Arbeiter- und Bauernstaat.

Für dieses Kapitel hat Vallgren besonders viel gelesen. Das hatten auch einige Zuhörer, die den Autor prompt nach selbst erlebten Berlin-Geschichten fragten. Vallgren verwies auf die ganz persönlichen Spaziergänge, die er an jedem Kapitel-Ende dem Leser vorschlägt. Am spannendsten ist der "Tagesausflug in das Kreuzberg der Türken, der Alternativmenschen und der alten RAF-Sympathisanten." Kein Wunder, denn Ecke Pückler- und Wrangelstraße ist der Autor selbst zu Hause. Vor sieben Jahren kam der Schriftsteller und Gelegenheits Chansoniers ("Ich mache Pop mit kranken Texten") als Stipendiat einer schwedischen Kulturstiftung in die Stadt. Sein Verleger war von der Berlin- Begeisterung seines Autors so beeindruckt, dass er spontan ein Berlin-Buch bestellte. Und weil Vallgren gerade pleite war, nahm er den mit einem saftigen Vorschuss verbundenen Auftrag gerne entgegen.

Der Titel fand sich bei Vallgrens großem Vorbild August Strindberg. Dessen Buch über eine andere Metropole trägt den Titel: "Ein Barbar in Paris." Mittlerweile ist der Umzug des Barbaren von Schweden nach Berlin sieben Jahre her und Vallgren, den der Verlag im Klappentext als "Berlins durstigsten Schweden" vorstellt, denkt noch lange nicht an Rückkehr, obwohl er keine Stadt kennt, die unfreundlicher ist. Was ihn hält? Die Fischfrau in der Markthalle am Marheineckeplatz zu Beispiel, die zwar auch nicht grüßen kann, aber ihm dafür die besten Haifisch-Filets reserviert und vermutlich die Tatssache, dass das nächste Bier nie weiter als zwei Straßenecken entfernt ist.

Der Stadtspaziergang zum Anna Seghers DDR-Kapitel schließt mit der Selbstaussage: "Der Verfasser ist müde, und außerdem hat er all das schon gesehen. Deshalb geht er heim, oder in die Kneipe." Prost Berlin.

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