Berlin : Hans Jörgen Gerlach (Geb. 1950)

Es war so viel zu tun. Für andere.

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Wie viel ein Mensch wert ist? Pro Häftling zahlte die Bundesrepublik seit 1977 etwa 96 000 Mark an die DDR, 31 775 politische Häftlinge kamen so aus dem Gefängnis frei, insgesamt 3 399 337 134,64 DM wurden im deutsch-deutschen Menschenhandel umgesetzt. Dazu kamen noch die „Gebühren“ für die 250 000 Menschen, die die DDR per Ausreiseantrag verlassen konnten. Die Bürokratien beider Länder verrechneten das sehr genau, eher ungenau hingegen wurde dokumentiert, in wessen Taschen West wie Ost widerrechtlich Gelder flossen.

Hans Jörgen Gerlach gab darüber mit zwei anderen Autoren Auskunft in dem Buch „Freikaufgewinnler. Die Mitverdiener im Westen.“ Er kannte sich aus. Seit 1984 hatte er für das Anwaltbüro Jaeger, später von der Schulenberg gearbeitet und war dort zuständig für die deutsch- deutsche Familienzusammenführung, insbesondere für die Eheschließungen.

Der Bauer von der Insel Fehmarn, der seine Liebste im Osten nur auf dem Umweg über Kuba treffen konnte, und sie dann in Mecklenburg heimlich heiratete, und im Westen gleich noch mal. Es waren traurige, tragikomische Geschichten, die Hans Gerlach zugetragen wurden. Jahrelang wurde er von der Stasi belauert. Als er begann, Material fürs Buch zu sammeln, wurde er von einem Bekannten mit K.O.-Tropfen betäubt und seine Wohnung nach brisantem Material durchsucht.

Hans Jörgen Gerlach hat diese Geschichten immer wieder mal aufschreiben wollen, aber er kam nicht dazu, es war so viel zu tun – für andere.

Eigentlich sollte er ein Mädchen sein, aber mit fünf Jahren entschied er, zum Friseur zu gehen und seine Locken abschneiden zu lassen. Die Mutter war entsetzt über den Eigensinn ihres vierten Sohns. In der Schule fühlte er sich nicht sonderlich wohl, und so begann er, sehr solide, eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Hohenzollerischen Landesbank Sigmaringen, wechselte dann zur Kreissparkasse Burladingen, wo er bis zur Rente hätte bleiben können.

Stattdessen ging er 1975 nach Berlin, studierte Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft, arbeitete ehrenamtlich im Knast und ließ sich zum Sozialpädagogen ausbilden. Er legte bei der Karriereplanung großen Wert auf Kurvenreichtum. Die Konstante in all seinem Tun war die Liebe zur Literatur.

Er schrieb viel über vergessene Schriftsteller, allen voran Heinrich Eduard Jacob, dessen Witwe Dora er Mitte der achtziger Jahre traf und die ihn zum Nachlassverwalter des literarischen Erbes ihres Mannes einsetzte.

„6000 Jahre Brot“, „Sage und Siegeszug des Kaffees“, das sind Titel, die immer noch erhältlich sind von Heinrich Jacob. Er war ein Sachbuchautor von Rang, und ein literarisches Talent, wie Tucholsky vermerkte: „Ich will weder ein neues Genie ankündigen noch zum 54. Male in der Saison konstatieren, dass dieses Buch das Buch ist, vor dem alle andern Bücher eben nur Bücher sind. Aber Heinrich Eduard Jacob ist ein tüchtiger und geschmackvoller Künstler.“

Ein Künstler, den die Nazis nicht im Land haben wollten. Er kam ins KZ, und seine Frau, die mit einem Nazi-Offizier schlief, um so seine Freilassung zu erkaufen, bewahrte ihn vorm Tod. Die beiden konnten nach Amerika ausreisen, und kehrten nach dem Krieg nach Deutschland zurück, obwohl deutsche Exilautoren selten herzlich willkommen geheißen wurden.

Hans Jörgen Gerlach hat den Nachlass von Heinrich Jacob gesichert, viele Arbeiten über ihn angeregt, und als freier Lektor für die Publikation eines Jacob-Textes im Verlag der Katzengraben-Presse in Köpenick gesorgt.

In den Spuren anderer zu wandeln ist immer auch eine Form der Selbstverleugnung. Andererseits: Geschichtenerzähler müssen nicht notwendig eigene Geschichten erzählen. Hans Jörgen Gerlach hat viel über andere, für andere geschrieben, vielleicht weil er kein Zutrauen zu seinem eigenen Talent hatte. In der Liebe war das anders. Er liebte viele Frauen und blieb doch der einen treu. Eine unmögliche Paarung an sich, er kleiner, sie größer, beide anfangs mehr im lustvollen Streit als in Liebe vereint. Aber aus Vertrauen wuchs Liebe, und so verwuchsen sie miteinander und waren 31 Jahre verheiratet.

Hans Jörgen Gerlach wäre gerne alt geworden, aber er war schwerer Diabetiker.

Fünf Mal am Tag musste er Insulin spritzen, vor zwei Jahren erlitt er einen Herzinfarkt. Als er fühlte, dass der Tod nicht mehr fern war, räumte er seine Wohnung auf, ordnete den Nachlass. Er wäre im Alter gern aufs Land gezogen, nach Gutenstein, seinem Sehnsuchtsort, dem Ort, „der das Schwelgen in Erinnerungen möglich macht“.

Auf dem Friedhof liegt der Vater, die Mutter, ein Bruder; er selbst konnte noch die Kirchengeschichte des Ortes zu Ende schreiben, der für ihn nicht mehr und nicht weniger war als der „Mittelpunkt der bewohnbaren Welt“.

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