Berlin : Hans-Martin Walcha (Geb. 1943)

Die Welt, dachte er, war doch noch etwas größer

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Unter der Woche kam das Zwiebelmuster auf den Tisch, zum Frühstück, zum Abendessen, für einen Kaffee zwischendurch. An den Sonntagen wurde in Weinlaub eingedeckt. Einzig zu den Feiertagen leuchtete die Tafel in Koralle Gold. Mit Geprahle jedoch, mit bürgerlicher Großmannssucht hatten diese Dekorgewohnheiten nichts zu tun. Eher mit Herkunft, mit Geschmack, mit dem Beruf.

Hans-Martin Walcha, oder Tino, wie ihn die Freunde riefen, wurde in Meißen geboren. Sein Vater, Otto Walcha, Maler und Schriftsteller, hatte als Archivar in der Manufaktur gearbeitet und ein Buch über das kostbare Porzellan geschrieben, das eben tagein, tagaus benutzt wurde. In Meißen besaß jede Familie ein Service, die feinen Leute und auch die einfachen.

Die Kunst war allgegenwärtig im Haus der Walchas, Malerei, Musik, Literatur, und auch, als Konsequenz daraus, ein weiter Geist. Es ist ein beachtlicher Blick, vom Elbtal hinauf auf den Burgberg und von dort hinaus ins Meißner Hochland, Tino genoss die Aussicht, gewiss. Doch stieß der Blick schnell an Grenzen. Die Welt, dachte er, war doch noch etwas größer.

Gleich nach dem Abitur versuchte er die Flucht. Die Grenzbeamten waren zur Stelle, es folgten Haft und die Knochenarbeit im Kraftwerk „Schwarze Pumpe“. Danach lernte er Elektromechaniker. Er arbeitete sogar in Manfred von Ardennes Institut, aber sein Sehnen hörte ja nicht auf. Die Kunst blieb eine Möglichkeit. Doch an die Hochschule nach Weißensee, mit dieser fragwürdigen politischen Vergangenheit? Er bewarb sich dennoch. Nach zahllosen zähen Gesprächen – die Gesinnung, der Arbeiter- und Bauern-Staat, sozialistischer Realismus – durfte er Formgestaltung studieren. Entwarf Radios, Möbel, Lampen und sogar Schuhe für die Exquisit-Läden. Bis ihm diese Frage gestellt wurde: Wollen sie eine Restaurierungswerkstatt für Porzellan aufbauen? Er überlegte, lange. Zurück nach Sachsen? Er hatte sein Berliner Leben zusammen mit Angelika, der er auf einem Thüringer Schloss begegnet war. Sie hatten ein wenig gesprochen und da war der Name „Bach“ gefallen. Bach, dessen Orgelwerke und Kantaten er so liebte, diese Bewunderung, die er jetzt mit jemandem teilen konnte. Peter Schreier, darin waren sie sich einig: als Bachinterpret unübertroffen. Und die Orgelfahrten durch die Dörfer um Leipzig, die Treffen in der Bachgesellschaft, das Bachfest, die „Jazz und Lyrik“-Abende, der alte Friedrichstadt-Palast neben dem Berliner Ensemble, in dem er vor Louis Armstrongs Garderobentür für ein Autogramm ausgeharrt hatte. Die Hochzeitsfeier auf Schloss Scharfenberg, ohne fließend Wasser, ohne Strom, aber mit Musik bei Kerzenschein von Spinettino und Flöte. Brächte er dieses Leben mit Angelika nicht aus dem Gleichgewicht, ginge er jetzt nach Dresden? Es lief auf einen Kompromiss hinaus, von Montag bis Freitag Meißen und Dresden, am Wochenende Berlin.

Er ging wieder in die Lehre, lernte, die Porzellanmasse zu formen, zu bemalen, begab sich in eine Welt, deren Weite nun ins Miniaturhafte gewendet war. Ein Restaurator ergänzt zuweilen. Fehlt etwa einer Rokokodame die rechte Hand, wird sie neu modelliert, wobei immer schon vorausgesehen werden muss, dass sich das Stück beim Brennen noch verkleinert. Sein besonnenes Wesen gab ihm die notwendige Ruhe, nie, nicht ein einziges Mal fiel ihm eine der vor allem aus der Zeit des Barocks stammenden Preziosen auf den Boden, hat doch ein Restaurator auch die Aufgabe, alle Stücke, die zu Ausstellungen transportiert werden, im eigenen Haus ein- und am Bestimmungsort auszupacken. Diese Orte rückten immer weiter in die Ferne. Die Diskussionen um seine politische Haltung waren verstummt, und so fuhr er 1984 nach Österreich, zu einer Schau der Kunstsammlung Dresden, und reiste von da an immer weiter weg, bis nach Japan. Eine Reise, eine richtige, musste für ihn lange dauern, musste im besten Fall über Ozeane führen, in die USA, nach Neuseeland, auf Gauguins Insel, Hiva Oa, zu sehen, was der Maler gesehen hat, die Buchten, die Farben, die Menschen. Jede Reise von Tino und Angelika war eine Kunstreise, in Parks, zu Schlössern und Kirchen.

Sie reisten weiter, selbst, oder gerade nachdem der Krebs bei ihm entdeckt worden war. Angelika hatte kurz nach dem Mauerfall ein Reisesparkonto eingerichtet, das sie jetzt auflösten. „Das Geld wird bis auf den letzten Pfennig verreist“, sagte er, und sie fuhren los, mit dem Schiff über die Weltmeere, nach St. Petersburg, um die Gauguins in der Eremitage zu sehen, nach Israel, in die Biskaya, auf die Bahamas. Bis er nicht mehr weiter konnte.

Am Kopfende seines Bettes in der Charité stehen zwei Lautsprecher. Angelika drückt auf die Wiedergabetaste des Aufnahmegerätes. Die ersten Töne sind zu hören, dieser spezielle Anschlag, das leise Mitsummen, der strenge Rhythmus. Glenn Gould spielt die Goldberg-Variationen. Angelika hofft, Bach würde es Tino leichter machen. Denn er geht nur schwer aus der Welt.

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